Berlin : Palästinensische Gemeinde: Mitgefühl und Angst

Stephan Wiehler

"Ich habe die ganze Nacht vor dem Fernseher gesessen. Es ist ein Albtraum, ein barbarischer Akt", sagt Nashid Sinnokrot. Vielen unter den rund 20 000 Palästinensern in Berlin erging es wie der Mitarbeiterin im arabischen Frauenzentrum. Die grauenhaften Bilder von der Anschlagsserie auf die USA haben sie schockiert - und in Angst versetzt vor den möglichen Folgen für ihr Volk. "Ich fürchte, dass sie uns die Schuld zuschreiben und der Druck auf Palästina sich weiter erhöht", sagt Nashid Sinnokrot. "Jetzt wird schon darüber nachgedacht, die humanitäre Hilfe in den palästinensischen Gebieten zu stoppen. Aber das wäre sehr falsch und voreilig" meint die 54-Jährige.

"Wir sind schockiert", sagt Mohamad Zaher, der Vorsitzende der palästinenischen Gemeinde. Bis spät in der Nacht habe er mit Freunden in seiner Wohnung in Tiergarten diskutiert und die dramatischen Fernsehbilder aus Amerika verfolgt. "Wir verurteilen den Angriff, das sind Verbecher, die das getan haben", sagt er und spricht von Mitgefühl für die Opfer und ihre Angehörigen in Amerika. Nur für einen kurzen Augenblick scheint das Mitempfinden für die Opfer der Anschläge wie eine menschliche Annäherung über die Abgründe, die Palästinenser und Amerikaner trennen. "Wir sind sehr wütend auf die USA, die uns allein lassen, eine Weltmacht, die es zulässt, dass Palästinenser von Panzern überrollt und von israelischen Flugzeugen bombardiert werden. Aber das heißt nicht, dass wir gegen das amerikanische Volk sind", erklärt Zahar. "Wir verurteilen die Anschläge, aber wir wollen auch, dass die Welt das Elend in Palästina verurteilt", sagt Abu Hassan Maarouf, Generalsekretär der Vereinigten Palästinensischen Gemeinde, die in Berlin 700 Mitglieder hat.

"Jeder Mensch, der human denkt, ist schockiert", sagt Abdullah Hijazi, Leiter der Kulturabteilung im Berliner Büro der palästinensischen Generaldirektion. "Ein Anschlag, der so viele Menschenleben kostet, ist unfassbar." Doch während die Augen der ganzen Welt auf Amerika gerichtet seien, habe Israel die Betroffenheit ausgenutzt und die Stadt Djinin im Norden Palästinas angegriffen. "Jeder verdächtigt jetzt uns oder die arabische Welt als Urheber des Anschlags", sagt Hijazi, er selbst bekomme das zu spüren. Den ganzen Tag klingele das Telefon. "Ich bekomme hier nur Anrufe von Menschen, die uns beschuldigen", erzählt er. Abdullah Hijazi wehrt sich gegen die voreiligen Verdächtigungen. "Wir Palästinenser haben nicht die finanziellen und logistischen Möglichkeiten für eine solche terroristische Operation. Und warum sollten wir so einen Angriff unternehmen?", fragt er, "wir rechnen doch auf die Unterstützung der USA, um endlich zu Frieden im Nahen Osten zu kommen." Der Mann aus Nablus ärgert sich über die Bilder jubelnder Palästinenser aus seiner Heimatstadt, die nach den Anschlägen um die Welt gingen. "Das sind ein paar Verrückte in einer Stadt mit 150 000 Einwohnern, die nicht jubeln." Alle Völker der Welt seien jetzt aufgefordert, den internationalen Terrorismus zu bekämpfen. Und Amerika und Europa müssten endlich ihre Verantwortung für den Frieden in Nahost wahrnehmen: "Wir wollen Taten sehen."

Nicht nur für die Palästinenser, auch für andere Vertreter der islamischen Welt in Berlin hat sich die Lage entscheidend verändert. Noch am Montag dieser Woche hatte der afghanische Botschafter Amanullah Jayhoon dem Tagesspiegel erklärt, die Welt habe sich vom Krieg in seinem Land abgewandt. "Doch der Konflikt berührt auch europäische Interessen", sagte Jayhoon, Vertreter der afghanischen Exilregierung unter dem ehemaligen Staatspräsidenten Rabbani, die gegen die Terrorherrschaft der extremistischen Taliban kämpft. Am Tag nach der Katastrophe in den USA stehen Afghanistan und das Gewaltregime der Taliban, die dem international gesuchten Terroristen Bin Laden Asyl gewähren, plötzlich wieder im Mittelpunkt des Weltinteresses.

"Alles hat sich verändert", sagt Jayhoon, der den Amerikanern im Namen seiner Regierung und des afghanischen Volkes das Beileid aussprach. "Und ich hoffe, dass wir jetzt endlich gemeinsam mit Amerikanern und Europäern gegen den internationalen Terrorismus vorgehen, der die ganze Welt in Gefahr bringt." Eine Hoffnung, die besonders den Wunsch einschließt, im Kampf gegen die Diktatur der Taliban westliche Unterstützung zu erhalten.

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