Pandemie : Fast 1000 Fälle von Schweinegrippe in Berlin

Bisher ist das Interesse an der Impfung gering: Doch nach den jüngsten Todesfällen in Deutschland wird steigende Nachfrage erwartet.

Werner Kurzlechner,Christoph Stollowsky

Bisher war das Interesse gering, die Impfkampagne in Berlin gegen den neuen Grippevirus startete langsam – aber dies wird sich nach Einschätzung der Senatsgesundheitsverwaltung in den kommenden Tagen ändern. „Die Folgen der Schweinegrippe werden dramatischer, die Zahl der Fälle steigt seit der vergangenen Woche auch in Berlin mehr denn je. Das wird die Impfbereitschaft der Bevölkerung erhöhen“, sagte am Sonnabend Behördensprecherin Regina Kneiding. Allein am Freitag wurden 43 zusätzliche Fälle bestätigt, das war erstmals eine zweistellige Steigerung an einem Tag. Die Gesundheitsverwaltung appelliert deshalb an die Berliner, sich immunisieren zu lassen. Das soll ab Ende kommender Woche in einigen hundert Arztpraxen möglich sein.

Mit zunehmenden Erkrankungen werde auch die Zahl von Fällen mit schwerem Verlauf steigen, teilte das Robert-Koch-Institut unter dem Eindruck der neuesten aus Saarbrücken, Augsburg und Bonn gemeldeten Todesfälle mit. In Berlin starb bisher kein Mensch am Influenzavirus H1N1, die meisten Fälle verliefen harmlos. Doch die erhebliche Zunahme der Infektionen macht der Gesundheitsverwaltung nun große Sorgen.

So wurden in der ersten Oktoberwoche 14 zusätzliche Fälle gemeldet, in der zweiten Woche 31 und in der dritten Woche 48 Fälle. Und seit Freitag hält die Behörde sogar weitere tägliche Steigerungen im zweistelligen Bereich für möglich. Insgesamt gibt es in Berlin bisher 923 bestätigte Fälle von Schweinegrippe.

Die geplante Impfaktion startete vor einer Woche holprig, und das vorerst auch nur bei Betriebs- und Amtsärzten. Diese immunisieren ausschließlich Angehörige medizinischer Berufe ohne eigenen Betriebsarzt sowie Fernreisende und chronisch Kranke, die besonders gefährdet erscheinen. Die Nachfrage in den Ämtern war bislang höchst unterschiedlich: So wurden in Steglitz-Zehlendorf mehr als 90 Bürger geimpft, in Charlottenburg- Wilmersdorf 50, in Neukölln erst zehn Menschen. Durchweg berichten die Bezirksämter allerdings von wachsendem Beratungsbedarf über ihre Info-Telefone. Zur Verwirrung habe beigetragen, dass es während der erste Tagen in den Gesundheitsämtern keine einheitliche Linie gab, heißt es. So bleibt es Auslegungssache, in welchen Ländern Fernreisende eventuell ein besonderes Risiko eingehen. Und die vorgezogene Immunisierung chronisch Kranker sollte wiederum nur nach Rücksprache mit dem Hausarzt durchgeführt werden, was zusätzliche Abstimmungen erfordert. Am Donnerstag haben sich die Amtsärzte berlinweit über solche Fragen verständigt.

Die Bevölkerung ist ab Ende der kommenden Woche auf die niedergelassenen Mediziner angewiesen. Aber auch dann benötigen die Berliner wohl noch Geduld. Schon alleine deshalb, weil es die anvisierten 2000 Impfpraxen in der Stadt nicht geben wird. Nach den wegen eines Vergütungsstreits gescheiterten Verhandlungen zwischen Senat und Kassenärztlicher Vereinigung muss das Land nun Einzelverträge mit impfbereiten Ärzten abschließen. 2000 Vertragsangebote habe man verschickt, der Rücklauf aus der Ärzteschaft sei „sehr positiv“, sagt Behördensprecherin Kneiding. Sie rechnet „letztlich mit mehreren hundert Impfpraxen, die flächendeckend zu erreichen sind“.

Ein zusätzliches Problem sind auch die weiterhin begrenzten Mengen des Impfstoffes „Pandemrix“. Folgen die Berliner in Massen dem Impfaufruf von Senatorin Katrin Lompscher (Linke), dürfte das Serum schnell knapp werden.

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