Pankow : Drei Häuser wegen Explosionsgefahr geräumt

Die Polizei fand bei einem 16-Jährigen in Pankow hochbrisante Chemikalien. Der Fundort musste weiträumig abgesperrt, die instabilen Substanzen kontrolliert abgebrannt werden. Die Durchsuchung war Teil internationaler Razzien gegen illegale Labore.

Tanja Buntrock
Durchsuchung
In einem Wirtschaftsgebäude in der Wollankstraße entdeckte die Polizei gefährliche Chemikalien. -Foto: ddp

BerlinNoch ist offenbar unklar, um welche Chemikalien es sich handelte: Doch das, was die Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes (LKA) gestern Vormittag in einer Remise in der Pankower Wollankstraße fanden, war so hochexplosiv, dass sie das ganze Haus und zwei Gebäude daneben evakuieren ließen. Die hochexplosiven Substanzen seien so „instabil“ gewesen, dass die Kriminaltechniker es nicht wagten, sie abzutransportieren. Deshalb fiel gegen 12.50 Uhr die Entscheidung, die Chemikalien „kontrolliert abzubrennen“, sagte ein Polizeisprecher am Rande der Absperrung. Eine dunkle Rauchwolke stieg kurz danach aus der Remise in den Himmel auf. Wie giftig der Qualm war, konnte die Polizei nicht sagen.

Im Rahmen der Großrazzien in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden in Berlin 50 Objekten durchsucht. Die Ermittler hatten die Handelswege der Verdächtigen im Internet verfolgt, dabei führte sie auch eine Spur auf das Wohnhaus in der Wollankstraße und den Nutzer von dessen Remise, einen 16-jährigen „Tüftler“, wie ein Ermittler sagte. Die Polizisten waren gegen 6.30 Uhr dorthin ausgerückt. Bei dem Jugendlichen fanden die Beamten die hochexplosiven Stoffe. Der Junge, der sehr gut in Chemie sein soll, hatte offenbar im Internet damit Handel getrieben. Das Haus gehört nach Angaben eines Ermittlers der Mutter des 16-Jährigen. Sie lebt mit einem Berliner Polizisten zusammen, die beiden sollen noch zwei gemeinsame Kinder haben. Da die Eltern und der 16-Jährige sehr kooperativ gewesen seien, gab es keine Festnahmen.

Seit den frühen Morgenstunden fand eine internationale Großrazzia statt. Dabei wurden zeitgleich insgesamt 600 Wohnungen und Geschäftsräume durchsucht. Mehr als 3000 Polizisten aus verschiedenen Bundesländern waren im Einsatz. Gesucht wurden gefährliche Chemikalien, aus denen Drogen hergestellt werden können – oder aber Sprengstoff, beziehungsweise Bomben.

Verantwortlich für den Einsatz waren das Bayerische LKA und die Zentrale Kriminalinspektion Lüneburg. Sie sind schon seit längerem zwei Chemikalienhändlern aus dem Großraum München und Niedersachsen auf der Spur, die festgenommen wurden. Sie stehen im Verdacht, vorwiegend über das Internet Chemikalien verkauft zu haben, mit denen sich in illegalen Drogenlaboren Betäubungsmittel wie Amphetamin und Methamphetamin herstellen lassen. Zudem sollen beide Männer erhebliche Mengen der Industriechemikalie Gamma-Butyrolacton (GBL) verkauft haben: Nach deren Konsum wird dies im Körper in das gefährliche Betäubungsmittel GHB umgewandelt – besser bekannt als Liquid Ecstasy beziehungsweise als „K.O.-Tropfen“.

Vor diesem farb- und geruchlosen Betäubungsmittel warnen Drogenpräventionsvereine und Opferberatungen, aber ebenso Club-Besitzer: K.O.-Tropfen werden auch als Vergewaltigungsdroge bezeichnet. So wurden Fälle bekannt, bei denen die Täter in Diskos oder Clubs meist jungen Frauen oder Mädchen etwas in deren Drink gemischt, sie dadurch betäubt und später vergewaltigt hatten. Aber aus der Schwulenszene sind ähnliche Taten bekannt, bei denen Männer mit der Substanz betäubt und anschließend in ihren Wohnungen ausgeraubt wurden.

Bayerische Ermittler fanden in einer Wohnung nahe Nürnberg ein gefährliches „Selbstlaborat“, das sie an Ort und Stelle kontrolliert sprengten, wie ein Sprecher des LKA in München sagte. Auch im Großraum München wurden diverse Chemikalienhändler durchsucht.

Der Einsatz in der Wollankstraße lief dann trotz des bedrohlich aussehenden Rauchs noch einmal glimpflich ab: Gegen 13.30 Uhr hob die Polizei die Sperrungen zwischen der Florastraße und der Wilhelm-Kuhr-Straße wieder auf. Auch die acht Mieter, die zwischenzeitlich ihre Wohnungen verlassen mussten, konnten wieder zurück in die Häuser.

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