Pankow-Heinersdorf : Der Imam von nebenan

Vor einem Jahr wurde in Heinersdorf die Khadija-Moschee eröffnet. Seither müht sich der Gemeindevorsteher um gute Nachbarschaft.

Lars von Törne
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Neu-Heinersdorfer. Imam Tariq vor seiner Moschee, auch den Spielplatz hat die Ahmadiyya-Gemeinde bauen lassen, um Hemmschwellen...

Vor dem Eingang zur Moschee steht ein Regal mit Broschüren für Besucher. „Liebe Deinen Nachbarn“, lautet der Titel eines Faltblattes. Drinnen im mit Teppichen ausgelegten Gebetsraum der vor einem Jahr eröffneten Khadija-Moschee im Pankower Ortsteil Heinersdorf wird die Botschaft im Leitspruch der Gemeinde wiederholt, der auf dem Transparent unter der Kuppel steht: „Liebe für alle, Hass für keinen.“

Wenn es doch so einfach wäre. Denn manche der Nachbarn der Khadija-Moschee am nördlichen Stadtrand Berlins wollen einfach nicht geliebt werden. Zumindest nicht von Imam Abdul Basit Tariq und seinen Gemeindemitgliedern.

„Was soll ich denn noch tun?“ sagt Imam Tariq. Für einen Moment klingt der 61-Jährige, der einst in Pakistan neben Islamwissenschaften auch die deutsche Kultur studierte und auch seine Predigten auf Deutsch hält, ein wenig verzweifelt. „Wir haben alles versucht, um unseren guten Willen und unsere friedlichen Absichten zu zeigen – ich verstehe einfach nicht, wieso manche Menschen immer noch Probleme mit uns haben.“

Einer von denen, die Probleme mit der vor einem Jahr aus einem Reinickendorfer Provisorium nach Pankow gezogenen Moschee hat, ist Joachim Swietlik (45). Er und seine Mitstreiter von der antimuslimischen „Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger“ (Ipahb) haben den Bau der Moschee auf der einst unansehnlichen Brachfläche neben der Pankower Autobahnzufahrt bekämpft, nun kämpfen sie weiter gegen die Ahmadiyya-Gemeinde und den Islam im Allgemeinen. Zuletzt Anfang Oktober: Da luden die Khadija-Moschee und etliche andere muslimische Gotteshäuser Neugierige zum Tag der offenen Tür, die Iphab demonstrierte zeitgleich gemeinsam mit der islamfeindlichen Organisation „Pax Europa“ gegen die vermeintliche „Islamisierung“ Europas. Deren Landesvorsitzender ist der CDU-Abgeordnete René Stadtkewitz.

Was sie an der Moschee stört, die vor einem Jahr als erste sichtbare Moschee auf ostdeutschem Boden international Schlagzeilen machte? Die Frage beantwortet Swietlik eher allgemein: Mit dem vom Bezirk genehmigten Moscheebau sei eine angebliche Mehrheit der Bürger übergangen worden, die sehr wertkonservative Gemeinde stehe mit ihrem Verständnis von Frauenrechten im Konflikt mit dem Grundgesetz, die öffentlichen Äußerungen von Gemeindevertretern seien nicht durch deren Schriften gedeckt. Nach konkreten Problemen gefragt, gibt auch Moscheegegner Swietlik zu: „Von der Integration her sind sie besser als andere Muslime.“

Imam Tariq, der eine ruhige Autorität ausstrahlt, versteht nicht, warum die Iphab-Leute und andere Moscheegegner – wie die rechtsextreme NPD, die noch kurz vor der Bundestagswahl vor der Moschee demonstrierte – auch ein Jahr nach der Eröffnung nicht ihren Frieden mit dem Gotteshaus gefunden haben, das sich mit dem zweigeschossigen Moscheebau samt Mini-Minarett und einem zweigeschossigen Wohnhaus für die Familie des Imams samt Seminar- und Gästeräumen unauffällig in die Autowerkstätten und lange nicht renovierten Wohnhäuser einreiht. „Ich bete täglich zu Gott, dass er Deutschland beschütze und uns vor Zwietracht behüte“, sagt der Imam. Vor allem die Religionsfreiheit in Deutschland ist ihm ein hohes Gut. Er selbst und viele der etwa 250 Berliner Mitglieder seiner Gemeinde haben in Pakistan Verfolgung und Mordanschläge erlebt, erzählt er. Die Ahmadiyya wird dort und bei vielen anderen Muslimen wegen ihrer Religionsauslegung als Sekte angesehen. „Es gibt hier Menschen, die wollen die Religionsfreiheit beeinträchtigen“, sagt der Imam. „Aber wir werden weiter für Rücksicht und Verständnis werben.“

Kommende Woche werden die unvereinbaren Positionen wohl erneut aufeinandertreffen. Die Iphab plant anlässlich des Jahrestages der Moschee am nächsten Mittwoch eine Veranstaltung mit einem Aussteiger, der der Ahmadiyya-Gemeinde den Rücken gekehrt hat.

Abgesehen von diesen vereinzelten Moscheegegnern habe sich die Stimmung in Heinersdorf aber „entspannt und normalisiert“, wie Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) versichert. „Ich bin froh, dass über die Moschee nur noch aus Anlässen wie dem Jahrestag geredet wird.“ Köhne erklärt das auch damit, dass sich viele Befürchtungen der Heinersdorfer vor der Eröffnung der Moschee nicht bestätigt hätten, weder gibt es lautstark übertragene Predigten noch Missionierungsversuche im Ortsteil. Stattdessen hielt die Ahmadiyya-Gemeinde alle ihre Versprechen, wie Köhne betont: Bis hin zu dem von den Muslimen gestifteten Kinderspielplatz neben dem Moscheegelände, der in der eher grauen Wohnstraße einen Farbtupfer setzt und bei gutem Wetter von Kindern und Müttern der Nachbarschaft gut besucht ist, wie der Imam berichtet.

Ein anderer positiver Effekt des Moscheestreits ist für den Bürgermeister der neu erwachte Bürgersinn im Ortsteil. Als Reaktion auf den Streit um die Moschee gründete sich ein Bürgerbündnis, das inzwischen unter dem Namen „Zukunftswerkstatt Heinersdorf“ zahlreiche Veranstaltungen wie ein Dorffest mit tausenden Besuchern, kunsthandwerkliche Kurse oder Informationsveranstaltungen zur Bezirkspolitik organisiert hat. So fällt Bürgermeister Köhnes Bilanz eher positiv aus: „Ohne die Moschee hätte es zwar den Gegenprotest nicht gegeben, aber die guten Entwicklungen auch nicht.“

Auch Imam Tariq, der vor kurzem zum zweiten Mal Großvater wurde, zieht unter dem Strich eine versöhnliche Bilanz: Tausende von Besuchern hätten seine Moschee schon besucht, bei gemeinsamen Veranstaltungen mit Vertretern der christlichen Kirchen, Buddhisten oder Juden seien Vorbehalte abgebaut worden. Das Tor zum Gelände an der Tiniusstraße steht fast immer offen, Neugierige lädt das Gemeindeoberhaupt gerne zum Kaffee ein und erzählt ihnen von der Gemeinde. Auch wenn Tariq mit seiner Frau in den Straßen Heinersdorfs unterwegs ist, habe er nie feindselige Sprüche gehört. „Wir fühlen uns sicher, glücklich und ruhig“, sagt er. Jetzt habe er eigentlich nur noch einen Wunsch: Dass auch die Nachbarn, die bisher keinen Fuß auf das Moscheegrundstück gesetzt haben, mal seiner Einladung zum Abendessen folgen mögen. Lars von Törne

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