Berlin : Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee wachsen nur schwer zusammen

Michael Brunner

In fast einem halben Jahr ist es soweit: Die Bezirksverordneten in den neun neuen Großbezirken tagen gemeinsam, um Bürgermeister und Stadträte zu wählen. Spätestens am 1. Januar 2001 treten diese ihre Ämter an, womit die Bezirksfusion beendet wäre. Der Tagesspiegel beleuchtet, wie der Stand der Dinge ist. Dabei offenbaren sich nicht nur bürokratische, sondern auch viele menschliche Probleme.

Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee passen nicht gut zueinander. Da ist Pankow, die verträumte Kleinstadt am Innenrand Berlins. Prenzlauer Berg, der Szenebezirk mit den grellbunten Sprenkeln. Und Weißensee, der stille Bezirk am gleichnamigen See. Anders gesagt: kleinbürgerliche Idylle plus kreatives Chaos plus Kleinbezirk mit Tradition. Kann aus diesen Teilen ein Ganzes werden? Es muss. Und passender als die früher geplante Verbindung mit Wedding erscheint das jetzige Fusionsmodell allemal.

Insider in den Rathäusern schlagen schon mal die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie an die Zukunft denken. Etwa beim Blick auf die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Prenzlauer Berg, die mit leichter Hand Geld aus dem Etat für neue Gehwege und Straßenreparaturen in Richtung freie Träger der Jugendarbeit umschaufelt. Der Effekt: Jugendliche und Kinder werden glauben, dass in der BVV doch nicht nur schlechte Menschen sitzen. Aber die Eltern werden weiter über holprige Straßen fahren.

Wie in anderen Bezirken auch stehen Amtsleiter und andere höhere Beamte in den Rathäusern der drei Fusionspartner derzeit in den Startlöchern, um beim Rennen um die Stellen im Rathaus des neuen Großbezirks und den Fachabteilungen nicht den Anschluss zu verpassen. Von publikumswirksamem Interesse ist aber eigentlich nur das Geschubse und Gedränge zwischen den derzeitigen Bürgermeistern und Stadträten. Halten wir fest: Im neuen Bezirksamt gibt es sechs Sitze für einen Bürgermeister und fünf Stadträte. Drei Sitze besetzt die PDS, die in der neuen BVV mit 35 von 89 Mandaten die stärkste Kraft bildet. Die PDS besitzt deshalb das Recht, den neuen Bürgermeister vorzuschlagen. Da wäre zum Beispiel die Bürgermeisterin von Pankow, Gisela Grunwald.

Frau Grunwald erscheint als eine Art "Königin der Herzen", die auch in Zeiten strengster Sparsamkeit zu keinem Verein Nein sagen kann. Ihr Weg in den Sessel des Pankower Rathauschefs ist erst im letzten Herbst frei geworden, als sich ihr Amtsvorgänger Jörg Richter (SPD) wegen einer schweren Krankheit ins Privatleben zurückzog. Gisela Grunwald ist beliebt. Aber sie ist nicht, was Richter war: Eine Integrationsfigur. Drei weitere Lokalpolitiker mit PDS-Mandat wollen aufs Treppchen: Der parteilose Pankower Baustadtrat Andreas Bossmann, Kulturstadtrat Burkhard Kleinert (PDS) aus Prenzlauer Berg und dessen Weißenseer Kollegin Christine Keil (PDS). Die parteilose Weißenseer Gesundheitsstadträtin Elke Strangfeld und Robert Scholz (PDS), der in Prenzlauer Berg für Finanzen zuständig ist, scheiden aus. Die Rechnung für die PDS lautet also: vier Bewerber, drei Plätze. Kein Drama.

Richtig dramatisch geht es bei der SPD zu. Die Sozialdemokraten haben jetzt mit den Folgen der schlechten Wahlergebnisse zu kämpfen, die sie letztes Jahr eingefahren haben: 19 Mandate, einen Platz im Bezirksamt. Um den einen Posten bewerben sich fünf Männer mit SPD-Parteibuch. Aus Pankow kommen der erfahrene Alex Lubawinski und der 1999 nachgerückte Matthias Köhne. Aus Prenzlauer Berg kommt Bürgermeister Reinhard Kraetzer, der auf keinen Fall nur einfacher Stadtrat werden will. Im Bürgermeisterbüro des Rathauses Weißensee sitzt Kraetzers Konkurrent Gert Schilling. Der tüchtige und freundliche Bezirksbürgermeister hat seinem Amt in den vielen Jahren seit der Wende zunehmend einen präsidialen Anstrich verliehen. Anders gesagt: Schilling kommt niemals im ersten Satz zur Sache und hat nichts gegen Busrundfahrten mit Senioren. Schillings Bezirksamtskollege, Baustadtrat Rainer Hampel erhebt ebenfalls Anspruch auf den einzigen SPD-Sitz .

Besser hat es die CDU, die zwei Stadträte entsenden darf. Martin Federlein, Stadtrat für Wirtschaft und Finanzen in Pankow, wollte bereits im vergangenen Herbst Bürgermeister werden. Kurz entschlossen ließ er Plakate mit der Aufschrift "Ihr Bürgermeister für Pankow. Martin Federlein" ankleben. Beim damaligen Partner, der Pankower SPD kam das nicht gut an. Sie kündigte die Zählgemeinschaft auf und machte damit den Sessel frei für die PDS-Bürgermeisterin Gisela Grunwald. Die SPD hat Federleins Coup weder vergessen noch verziehen. Theoretisch ist bei der Wahl des Bürgermeisters dennoch eine Zählgemeinschaft von CDU und SPD gegen die PDS möglich.

Als Stadtratskandidat hat Federlein starke Mitbewerber. Da ist der Weißenseer Wirtschaftsstadtrat Horst Hartramph, der unauffällig aber erfolgreich agiert und sich bislang nie zu weit aus dem Fenster gelehnt hat. Und schließlich hofft Ines Saager, die agile Wirtschaftsstadträtin aus Prenzlauer Berg, auf einen Job im neuen Bezirksamt. "Ich würde schon sehr gern dabei sein", sagt sie. Wächst da zusammen, was zusammen gehört? Wohl eher nicht. Schon beim Blick in den Stadtplan entsteht der Eindruck: Das kleine Weißensee wird aufgefressen, der Bezirk mit der niedrigen Einwohnerzahl klemmt zwischen Pankow und Prenzlauer Berg wie ein Schafsbeinchen im Wolfsrachen. "Es wächst sehr schwer zusammen", räumt Pankows Baustadtrat Andreas Bossmann ein . Über den gemeinsamen Namen wird noch gefachsimpelt. Fest steht, dass der Bürgermeister des neuen Großbezirks im Rathaus Pankow residieren wird.Morgen lesen Sie den letzten Teil unserer Fusions-Serie: Mitte - Tiergarten - Wedding.

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