Berlin : Panne, Persiflage oder Pointe?

Elisabeth Binder

Das erste Mal: "Irgendwie macht es Spaß, aber ein bisschen komisch ist es auch", resümierte Festivalchef Dieter Kosslick, der sich bei der sehr ausgedehnten Eröffnungsfeier mit einem erstaunlich ausführlichen, wenngleich selbstironischen und schauspielbegabten Auftritt als eine Art Festival-Columbo präsentierte. Aber wie viel Hollywood verträgt Berlin, solange Chaos aufmerksamkeitsgierig in den Wänden lauert?

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Die Eröffnung war diesmal als ganz große Show konzipiert. Mit den Moderatoren Corinna Harfouch und Michael Ballhaus, mit Showeinlagen von Meret Becker und BAP, mit großen Reden von Bundeskanzler und Regierendem Bürgermeister. Allein, die Tonanlage funktionierte nicht. Das wirft bei der Eröffnung eines internationalen Festivals natürlich leicht Zwielicht auf die Kampfkraft der heimischen Filmindustrie. Ob man nicht vielleicht aus Babelsberg einen Techniker hätte engagieren können?, fragte einer der Gäste, die das später in den verschiedensten Sprachen durchhechelten, höflichspitz. Kann sein, dass diejenigen, die sich über den Ausfall der Mikros mokierten, auch nur die Pointe nicht verstanden haben, denn die Show, für die es nicht viel Vorbereitungszeit gab, war "weniger improvisiert, als man hätte denken können", verriet Dieter Kosslick spät in der Nacht. Tatsächlich war die Choreographie des Auftritts der des letzten Jahres schon Lichtjahre voraus; Orientierungslosigkeiten wirkten auf Stammgäste streckenweise wie eine Persiflage auf die unfreiwillig komischen Einlagen der letzten Jahre.

Trotzdem blieben Fragen offen, was denn nun Panne und was ein besonders intelligenter Kunstgriff war. Dass der kurze Spot über Hildegard Knef mit einem Knacken abriss, war das Symbol oder Tribut an die schnelle Improvisation? Und warum verwandelte sich das Feuerwerk auf der Leinwand hinter den Rednern immer wieder in eine Art Strickknäuel aus Licht?

Im Grunde war die Show vielen einfach zu lang. "Die Leute waren schon völlig ermattet als der Film anfing", beobachtete Regisseur Volker Schlöndorff mit vielen anderen. Diejenigen, die zwischendrin immer mal aus dem eigentlichen Festpielkino flohen, fanden im gastlich gestalteten Foyer Brot, Wein und Käse vor und andere konversationsgestimmte Kulturschaffende, die sich, das gilt Epochen übergreifend, am allerliebsten nun mal selber reden hören. Als Mitgift hat Kosslick unter anderem einen Publikumszuwachs mitgebracht. 5000 Gäste mindestens hätten mit gutem Recht unbedingt dabei sein wollen, sollen und müssen, 2500 passten aber zum anschließenden Empfang nur ins Paul-Löbe-Haus hinein. Auf dem roten Teppich kam sich der neue Festivalchef vor "wie beim Kindergeburtstag", später sah er sich umringt von lauter alten Freunden, der Regisseurin aus Los Angeles zum Beispiel, die eigens für diesen Abend herangeflogen kam, und der "Nordrhein-Westfalen-Mafia", die den neuen Festivalchef in Gestalt von Mutter Beimer herzte.

Aber auch aus anderen Ecken ist Berlinale-Zuwachs zu verzeichnen. Langsam entdeckt die Politik das ganze Drum und Dran Berlins, kommt auf den Glamour-Geschmack und will nun auch überall dabei sein. Das erste Mal als Partyort wird für dieses Haus nicht das letzte gewesen sein, das ist ganz klar. Klaus Wowereit, der gemeinsam mit Julian Nida-Rümelin als Gastgeber fungierte, war jedenfalls so begeistert, dass er schon den Presseball dort tanzen sah. Wenn es mit dem Run auf die Eröffnung aber immer so weiter geht, dann, kündigte Kosslick an: "Machen wir demnächst nur eine Abschlussfeier".

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