Berlin : Papier ist ungeduldig

Das Bundesarchiv in Lichterfelde bekommt ein neues Magazingebäude, weil der Platzbedarf für die Dokumente von Jahr zu Jahr wächst

Stefan Jacobs

Akten sind in aller Regel rechteckig und empfindlich gegen Tageslicht. Wohl deshalb ist das geplante Magazingebäude fürs Bundesarchiv ein fensterloser Quader; über 100 Meter lang und 25 Meter hoch. Zurzeit lagern allein in den Berliner Dienststellen des Bundesarchivs rund 110 laufende Kilometer Akten; in jedem Jahr kommen sechs Kilometer hinzu. Für diese Papierflut soll das neue Domizil auf dem weitläufigen Gelände der Behörde in Lichterfelde errichtet werden. Der Quader mit blassroter Fassade und einer ausgesparten Ecke als Eingangsbereich komme dank einer ausgeklügelte Fassadenkonstruktion fast ohne Klimaanlage aus, sagte Architekt Stephan Braunfels, der gestern zusammen mit Kulturstaatsministerin Christina Weiss und Archiv-Präsident Hartmut Weber das gut 40 Millionen Euro schwere Vorhaben präsentierte.

Gläserne Gänge sollen den Kubus mit seinen Nachbargebäuden verbinden – nach links mit der 1878 errichteten „Königlich-Preußischen Hauptkadettenanstalt zu Groß Licherfelde“ und nach rechts vorn zum Gebäude der „Leibstandarte SS Adolf Hitler“. Braunfels, der bereits Paul-Löbe- und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus gestaltete, hat die europaweite Ausschreibung für den Magazin-Neubau gewonnen. Er will das erst von der preußischen Armee, dann von der Wehrmacht und bis 1994 von den US-Alliierten genutzte Gelände bis 2009 „entmilitarisieren und entnazifizieren“. Derzeit führt der Haupteingang nämlich auf das von den Nazis errichtete Gebäude zu. Der Architekt will ihn um einige Meter verschieben, damit der daneben gelegene Park besser zur Geltung kommt. Noch halten Zaun und Wachschutz die Öffentlichkeit von der ausgedehnten Grünanlage an der Finckensteinallee fern. Im Zuge der Bauarbeiten soll der Park allgemein zugänglich werden, versprach Braunfels. Baubeginn soll Ende 2005 sein.

Damit sollen die Provisorien enden, mit denen sich die zurzeit noch vier Berliner Filialen des Bundesarchivs arrangieren müssen. Während Filme und Fotos auch künftig in Dahlwitz-Hoppegarten am östlichen Stadtrand gesammelt werden, soll das – zumeist von Bundesministerien bedruckte – Papier bald komplett in Lichterfelde untergebracht und Wissenschaftlern zugänglich sein.

Das Bundesarchiv sammelt nicht nur die Werke von Behörden, sondern auch Urkunden aller Art, Drehbücher, Nachrichten, technische Zeichnungen, Plakate und alles, was das kulturelle Leben prägt. Briefe von Goethe und den preußischen Kaisern sind ebenso dabei wie das Fernsehprogramm vergangener Jahre. Ministerin Weiss sprach vom „Gedächtnis Deutschlands“; Archiv-Präsident Weber lieferte die Zahlen: 800 Mitarbeiter verwalten 290 Kilometer Akten, eine Million Filmrollen mit 110000 Dokumentarfilmen, verteilt auf zwölf Dienststellen an neun Orten in der Republik. Diese bleiben bestehen. Nur was schon in Berlin ist, wird in dem blassroten Klotz versammelt.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben