Berlin : Pappkarton der Republik

Vor der Asbestsanierung: Honeckers Palast zum Selberkleben

Andreas Conrad

Wer zu spät dreht, den bestraft der Kleber. Die korrekte Dosierung der Tropfen ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht, doch ist ein Zuviel dem geübten Bastler ein Kinderspiel. Einfach schnell mit einer Nadel in die hervorquellende Klebemasse pieksen und drehen, drehen, drehen – bis der überschüssige Stoff aufgespult ist.

Eine erprobte Technik, die bei Hütten wie Palästen gleichermaßen funktioniert. Also auch beim Palast der Republik, einem neuen Berliner Beitrag zur schönen kleinen Welt des Modellbaus, aus Pappe zusammenzuleimen im Maßstab 1 : 800. Vor gut einem halben Jahr riefen der aus Celle stammende Architekt Cord Woywodt und der Landschaftsplaner Andreas Seidel die Edition Faltplatte ins papierene Leben, deren Modellbögen der Plattenbautypen WBS 70/11 und GT 18/21 bereits die dritte 1000er Auflage erreicht haben. Jetzt wurde das Sortiment um den Palast der Republik ergänzt, selbstverständlich im Zustand vor der Asbest-Sanierung.

Für die Fingerfertigkeit des Bastlers ist das nur eine mäßige Herausforderung: fünf Bauteile, verteilt auf zwei Pappbögen – das sollte in maximal anderthalb Stunden zu schaffen sein. Einzige Schwierigkeit ist die Befestigung der beiden lang gestreckten, bronzefarbenen Fassadenteile, gerade hier muss sich die Nadel unermüdlich drehen. Wäre doch jammerschade, wenn der Palast mit Klebstoff verschmiert würde.

Das Ergebnis ist ein nicht sehr detailreiches, dafür Ostalgie-taugliches Gebilde aus ineinander verschachtelten Pappquadern, mit einem winzigen Emblem aus Hammer und Zirkel an der Seite des Marx-Engels-Platzes. Auch bei der Verpackung des Bausatzes wurde Wert auf Authentizität gelegt: mit nachgedruckter Palastbriefmarke zu zehn Pfennig. Der Beipackzettel informiert in Zitaten über die Bau- und Nutzungsgeschichte des Palasts, alle stammen aus DDR-Büchern und lesen sich, als würde noch immer Erich Honecker mit seiner Margot zum Jahrestag der Republik ihr Tanzbein schwingen. Und das Schloss? „Im letzten Kriege wurde es zerstört, und 1950 wurde der Beschluss gefasst, die Ruine abzutragen.“ Aha, so war das also.

Den Papp-Palast der Republik gibt es für 5,90 € in Buch- und Geschenkeläden, in Museumsshops oder im Eigenvertrieb (Infos unter www.faltplatte.de ). Auch die Mauer zum Selberbauen gibt es neuerdings, allerdings nicht originalgetreu, sondern als amerikakritische Politkunst mit Bush-Motiven. Näheres unter www.xzcute.com .

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