Papst-Messe in Berlin : Schaut auf dieses Stadion!

Den Berlinern mag das Olympiastadion heute wie eine normale Sportstätte vorkommen. Durch den Papstbesuch steht die Arena jetzt wieder im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit – mitsamt der Nazi-Vergangenheit.

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22.09.2011 09:48Letzte Vorbereitungen in Tegel.

Kann schon sein, dass der Papst mit einem mulmigen Gefühl angereist ist. Eine Messe im Olympiastadion! Parallel zu einem Fest dieser fehlgeleiteten jungen Leute, die mitten in Berlin ein schwul-lesbisches Straßenfest feiern wollen! Und dann noch dieser Spaziergang mit dem Bundeskanzler durch das Brandenburger Tor – da ist doch schon mal ein Kanzler marschiert, im Januar 1933! Am Ende wird alles gut. Im Juni 1996, beim bislang letzten Berlin-Besuch des Heiligen Vaters. Lesben und Schwule blieben unter sich, der Spaziergang mit Helmut Kohl fand kaum Beachtung, und möglichen Nazi-Allegorien ging Johannes Paul II. mit einer großen Geste aus dem Weg, mit der Seligsprechung des Berliner Dompropstes Bernhard Lichtenberg, der 1943 auf dem Transport ins Konzentrationslager Dachau sein Leben ließ.

15 Jahre später liegen die Dinge ein wenig anders. Der Papst ist nicht mehr ein Pole, der sich während es Krieges zur Zwangsarbeit in einem Steinbruch verpflichtete, um einer Deportation nach Deutschland zu entgehen. Sondern ein Deutscher mit einer Vergangenheit als Hitler-Junge. Kaum wurde Ende Mai bekannt, dass Benedikt XVI. der großen Nachfrage wegen vom Schloss Charlottenburg ins Olympiastadion ausweichen muss, da meldete die weltweit verbreitete britische Nachrichtenagentur Reuters: „Pope’s Berlin mass moved to Nazi Olympic site“ – Berlin-Messe des Papstes auf Nazi-Olympiagelände verlegt. Zeitungen wie der „Daily Telegraph“ griffen das gern auf. Und der in den USA beheimatete „Catholic News Service“ ging in seinem Bericht gleich zweimal darauf ein, dass das Olympiastadion „unter Hitler“ oder „von Nazis“ gebaut worden sei.

In Benedikts Auftritt im Olympiastadion treffen sich zwei Lieblingsthemen der Angelsachsen. Die Faszination für alles, was mit dem Dritten Reich zusammenhängt. Und das Unbehagen der anglikanisch-protestantischen Christen mit dem Pontifex der römisch-katholischen Kirche, trotz dessen überraschend gut verlaufenen Besuchs im vergangenen September in Großbritannien. „Man muss schon den Kontext sehen“, sagt Christopher Young, der an der Universität Cambridge Germanistik lehrt und derzeit als Gastwissenschaftler an der FU Berlin ist. „Nicht jeder in Großbritannien mag diesen Papst. Er ist ein Erzkonservativer in einer sich rasend schnell verändernden Welt. Dazu kommt seine Vergangenheit in der Hitler-Jugend. Als dann die Meldung mit seiner Messe im Olympiastadion kam, da war die Versuchung einfach zu groß“, selbst für die sonst eher zurückhaltenden Kollegen von Reuters.

Ach, die Versuchung. Kaum eine britische Zeitung widerstand ihr im April 2005, als aus dem Kardinal Joseph Ratzinger der Papst Benedikt XVI. wird. Am nächsten Morgen druckten sie alle das Foto, das den kleinen Joseph als Hitler-Jungen zeigt (und manche erwähnten auch, dass die Mitgliedschaft in der HJ keineswegs freiwillig war). „Vom Hitler-Jungen zum Papa Ratzi“, titelte die „Sun“, der „Daily Telegraph“ formulierte besonders ergreifend: „Gottes Rottweiler wird Papst.“ Und jetzt predigt er auch noch im Olympiastadion, dem laut Reuters trotz aller Umbauten immer noch seine Nazi-Vergangenheit anzusehen ist, ständige Mahnung an die Spiele 1936, die „Hitler dazu benutzte, auf der Bühne ein neu erwachtes Deutschland anzupreisen“.

Lesen Sie mehr über die Entstehungsgeschichte des Olympiastadions. Weiter auf Seite 2.

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