Berlin : Paradies, Nebenstelle

Süßes Jubiläum: Seit 40 Jahren führt Eberhard Päller die „Confiserie Melanie“

Bernd Matthies

Für einen, der seit über 40 Jahren Rentner ist, wirkt Eberhard Päller enorm jugendlich. Auch die 69 Lebensjahre sieht man ihm nicht an, wenn er in seinem winzigen Geschäft in der Charlottenburger Goethestraße herumwuselt und eine Anekdote nach der anderen erzählt. Es ist allerhand zusammengekommen in seinem bunten Leben, das sich seit nunmehr genau 40 Jahren überwiegend in der „Confiserie Melanie“ abspielt, Untertitel an der Tür: „Paradies Nebenstelle“.

Man muss sich Pällers Geschäft so vorstellen, das da nahezu alles in den Regalen liegt, was die Welt an originellem, hochwertigem und handwerklich gefertigtem Naschwerk hergibt – 4000 Produkte, manches gibt es vermutlich nur beim Hersteller und eben hier. Illustriert mit einem (nur halb ernst gemeinten) Päller-Spruch: „Dieses englische Gebäck dort macht die Firma nur für die Queen Mum und für mich. Seit sie tot ist – nur noch für mich.“ 1968 übernahm er das Geschäft von der Gründerin, die wirklich Melanie hieß, und krempelte das Sortiment um. Aus der Verkaufsstelle der bekannten Pralinen- und Schokoladenhersteller wurde etwas Eigenes, Individuelles, ein Laden, den der gelernte Koch und Konditor nach und nach mit Funden aus der halben Welt ausbaute. Einmal hat er beim Wandern in Norwegen auf einem Bauernhof ungewöhnliche Konfitüren entdeckt – und ließ nicht locker, bis er sie ins Regal einsortieren konnte.

Päller, ein gebürtiger Zwickauer, war schon mit 16 selbstständig – in diesem Alter übernahm er von seinem Bruder die Kantine des Varietés Lindenhof in seiner Heimatstadt. Später bereiste er als „Storekeeper“, also eine Art Seemanns- Versorger, zu Schiff viele Länder, bis ihn schließlich, jung, eine Erkrankung zum Landgang zwang. Seither ist er, technisch gesehen, Frührentner. Doch da fing das Leben mit Melanie erst an.

Die große Spezialität Pällers sind seine legendären Trüffelpralinen, die er in die halbe Welt schickt, gemäß der Erkenntnis: „Wenn ich nur die Berliner Kunden hätte, wär ich seit 20 Jahren pleite.“ Alle paar Wochen fährt er zu einem Limburger Familienbetrieb, der ihm die Grundzutaten aufbereitet, vor allem die drei Tage und Nächte köchelnde Kuvertüre, die nur aus Kakaopulver und Sahne besteht und deshalb bemerkenswert wenig Fett enthält. Dann geht er ans Zubereiten, viele seiner Geschmackskombinationen wirken wie aus dem Notizbuch eines Avantgardekochs entnommen: OrangeEssig, Tomate, Steinpilz-Olive, Sellerie, Curry, Dill, Meerrettich, dazu allerhand konventionellere Varianten. Doch die Abstimmung ist immer dezent, die Nuancen sollen erst beim zweiten oder dritten Biss durchdringen - wer eine Trüffel nur schnöde runterschluckt, der bringt sich um den eigentlichen Effekt.

Das tun auch Kunden, die nur hereinmarschieren, kaufen und gehen. Denn das Gespräch ist Teil des Melanie-Erlebnisses, bis hin zum Bezahlen, das der Meister auf unverwechselbar gravitätische Art einleitet: „Dann darf ich um einen Unkostenbeitrag von zwölf Euro bitten.“

Kein Händler ist in seiner Gegend auch nur annähernd so lange auf dem Posten. Das wird heute gefeiert, mit Musik und allerhand Lustbarkeiten. Und auch die Bürgermeisterin wird sicher mal reinschauen. Bernd Matthies

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