Paralympic Day : Hier lässt sich keiner behindern

Mehr als 50.000 Besucher und Bundespräsident Köhler machten mit beim International Paralympic Day - und probierten selbst aus, wie es ist, mit einer körperlichen Beeinträchtigung zu leben.

Annette Kögel
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Springen, ohne zu sehen: Thomas Ulbricht vor dem Brandenburger Tor. -Foto: dpa

Der Bundespräsident macht auch im Rollstuhl eine gute Figur. „Aber geben Sie mir bitte einen Probewurf“, sagt Horst Köhler im Rolli – und zielt dann drei Mal auf den Basketballkorb. Beim „International Paralympic Day“ (IPD) vor zwei Jahren traf er aus dem Stand sofort, diesmal prallt der Ball bei drei Würfen aus dem Sitz immer an den Ring – knapp daneben. Dennoch ist der Köhler-Einsatz an diesem Sonnabend ein Erfolg: Zum IPD 2009 kamen weit mehr Besucher und Vertreter von Politik, Sport, Wirtschaft und Medien als beim Event 2007. Der Tagesspiegel war als Medienpartner mit dabei.

Fast 60 000 Berliner, Brandenburger und Touristen erlebten die Sportshow mit, die für den Behindertenleistungssport warb. Aber die Leute sind natürlich nicht nur da, um den Präsidenten mit der Handykamera in ungewohnter Pose aufzunehmen. Sondern um selbst Spaß zu haben. Esther Weber, frühere Nationalrollifechterin, kommt nicht aus dem Rollstühle-an-den-Start-stellen und Kinder-Ralleykarten-Abstempeln heraus. Lea Gutsche,11,ist mit ihrer Familie aus Potsdam nach Mitte gekommen und absolviert gerade den Rolliparcours. „Wir haben von dem Paralympics-Tag im Radio gehört und wollten das selbst ausprobieren. Bei den Sportlern sieht das immer so perfekt aus, ist aber überhaupt nicht einfach“, sagt Leas Mutter Ines Gutsche. Mit Behinderten hatten sie alle vorher noch nie zu tun. So wie Birgit Jäger, sie ist aus Charlottenburg zum Pariser Platz gefahren und lässt ganz still ihren Blick schweifen über all die Rollstuhltischtennisspieler, Sitzvolleyballer, Rollirugbysportler. Bei den blinden Weitspringern stellt der Berliner BVG-Mitarbeiter Matthias Schröder mit fast siebeneinhalb Metern einen neuen Weltrekord auf. „Ein ganz neue Welt für mich“, sagt Jäger – „spannend.“

Horst Köhler kennt diese Welt als Paralympics-Stammgast schon länger. Bei seinem Besuch gestern absolviert er den Händeschüttel-Marathon bei all den für die Behindertensportszene wichtigen Sportlobbyisten, Unternehmensvertretern – und natürlich Sportlern. Verena Bentele, die blinde Biathletin, die hat er schon 2006 in Turin kennen gelernt, die mögen sich, das merkt man. Inwiefern sich die öffentliche Wahrnehmung nach den Spielen in Peking 2008 geändert habe, fragt Köhler auf Englisch in die internationale Sportlergruppe, und aus Bentele schießt ein spontaner Fachvortrag auf Englisch nur so heraus. „Wenn Sie mal ein Problem haben und jemand mit einer starken Stimme suchen – fragen Sie Frau Bentele“, scherzt Köhler zurück. „Aber im Moment sind mir meine Arme und Beine für den Sport wichtiger“, kontert die Wintersportlerin.

Kai Dragowsky ist ganz in Weiß dabei. Der 39-Jährige ist Unfallchirurg am Unfallkrankenhaus in Marzahn. „Ich operiere die Verunfallten, es ist toll zu sehen, welchen Lebensmut die Athleten ausstrahlen, da bekomme ich Gänsehaut. Viele denken ja, sie fallen durch einen Unfall aus der Leistungsgesellschaft heraus.“ Unterdessen interviewt seine Tochter Johanna den bayerischen Alpin-Medaillengewinner Gerd Schönfelder per RBB-Mikro. Im Zelt der Otto Bock Healthcare erinnert sich Gernot Kretschmer derweil an China. Der Orthopädietechniker aus Britz hatte drei Wochen Urlaub genommen, um in der Paralympics-Werkstatt zu arbeiten. Den Zauber der Spiele, den kennt nicht nur Köhler.

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