• Paralympics-Projekt des Tagesspiegel: Hilfe für Menschen mit Behinderung in Brasilien

Paralympics-Projekt des Tagesspiegel : Hilfe für Menschen mit Behinderung in Brasilien

Menschen mit Behinderung haben es schwer in Brasilien. Das soll sich ändern – auch mithilfe der Paralympics Zeitung.

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Goldhoffnung. Sprinterin Veronica Hipolito (rechts).
Goldhoffnung. Sprinterin Veronica Hipolito (rechts).Thilo Rückeis

Der Dirigent sitzt in Reihe 39, Platz 16. Er sitzt auf einer blauen Plastikschale, im Gesicht ein Schnauzer, in der rechten Hand eine Posaune, überm Bauch ein T-Shirt mit Brasiliens Nationalflagge. Er tippt dreimal mit dem Finger an die Posaune, Zeichen des Einsatzes, dann fallen alle ein. Die Trompete auf Platz 17, das Banjo auf Reihe 18, die Pauke auf Platz 19. Und durchs Estadio Olimpico Nilton Santos in Rio dröhnt Sambamusik.

Und auf die Tartanbahn trommelt der Regen.

Party-Time auf der Tribüne, spontanes Konzert im Olympiastadion, beim Grand Prix Caixa Loteiras, einem internationalen Testwettbewerb für die Paralympics, die Olympischen Spiele für Menschen mit Behinderung. Im September geht’s hier um Olympia-Medaillen, 4500 Athleten aus 174 Nationen werden bei den Paralympics starten. Aber jetzt ist Juni, die Wettkämpfe sind vorbei, das Stadion ist fast leer, nur die Band sorgt für Stimmung.

Ihre Zuhörer natürlich auch.

Nachwuchsreporter produzieren zwei Sonderausgaben

Die Zuhörer tanzen zwei Reihen tiefer, 20 Männer und Frauen, zwischen 19 und 26 Jahre alt, alle tragen hellblaue T-Shirts mit dem Aufdruck „Paralympics Zeitung“. Nachwuchsjournalisten aus Deutschland, Brasilien und England, sie werden über die Paralympics schreiben, sie sind Teil des internationalen Medienprojekts des Tagesspiegels und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Zwei Ausgaben der „PZ“ als Beilage in Tagesspiegel, Zeit, Handelsblatt und den Potsdamer Neuesten Nachrichten bei den Paralympics für deutsche Leser – und Ausgaben in Englisch sowie Portugiesisch, produziert mit dem nationalen Medienpartner, das ist das Projekt. Der Workshop ist Teil der Vorbereitung.

Es geht aber auch um die Frage: Wie ist die Situation für Menschen mit Behinderung in Brasilien? Und: Wie sehr helfen die Paralympics und die Berichterstattung darüber, die Lage zu verbessern?

Wunderbare Offenheit gegenüber Menschen mit Behinderungen in einer Bar

Die Situation ist hervorragend, jedenfalls in dieser Bar im Norden von Rio, zwei Stunden nach dem Stadion-Event. David Hock gehört auch zur Tagesspiegel-Gruppe; wenn er schreibt, tippt er mit den Zehen. Hock kam ohne Arme auf die Welt, er hat nur rechts eine Hand. Aber als er in dieser Bar war, mit seinem Paralympics-T-Shirt, sagt der 19-Jährige, „war ich überwältigt“. Die Leute kamen auf ihn zu, begrüßten ihn, lachten ihn an, streckten gereckte Daumen entgegen. „Die sind absolut offen mit meiner Behinderung umgegangen, vielleicht dachten sie, ich sei Behindertensportler.“

Große Probleme aber im Alltag

Die Situation ist ziemlich mies, wenn man nicht in einer Bar mit toleranten Menschen ist. Brasilien, damit auch Rio. ist für behinderte Menschen oft feindliches Terrain. Rollstuhlfahrer stoßen sehr schnell an Hindernisse, öffentliche Orte sind schwer zu erreichen, es fehlt an Rampen für Rollstuhlfahrer und Orientierung für Blinde oder stark Sehbehinderte. Rund 28 Millionen Menschen in Brasilien leben mit einer Behinderung, die meisten davon in Armut.

Und es gibt immer wieder Geschichten über Busfahrer, die nicht halten, um einen Rollstuhlfahrer mitzunehmen. Sie hätten ja sonst bei den Staus noch mehr Zeitverlust. Brasilien hat hervorragende Gesetze zur Inklusion, nur werden sie kaum umgesetzt. Zum Beispiel die Ausstattung von Toiletten. David Hock, der Abiturient aus Pinneberg, hatte auf einer Behindertentoilette auf dem Flughafen Rio Panik. Sein Flug war bereit zum Boarding, aber er kam nicht raus, weil er es nicht schaffte, den Türknauf zu drehen. Über Handy rief er einen der jungen PZ-Kollegen an. Der befreite ihn.

Behindertentoilette ist nicht abzuschließen

Die Workshop-Teilnehmer wohnten am Stadtrand, in einer extra bewachten Hostelanlage mit nettem Innenhof. „Aber ein Rollstuhlfahrer hätte hier große Probleme“, sagt Hock. Im Olympiastadion stellte er entsetzt fest, dass seine Behindertentoilette nicht abzuschließen war.

Erfahrungen, die in seine Arbeit einfließen. Wie behindertengerecht ist die Stadt?, auch das wollten die Teilnehmer herausfinden. Oder: Wie sensibilisiert sind die Medien? Partner des Projekts in Brasilien ist der Medienkonzern „O Globo“. Einen Tag lang informieren sich die Teilnehmer im Konzerngebäude, mit Blick auf die berühmte Christus-Statue.

Das PZ-Team.
Das PZ-Team.Foto: Thilo Rückeis

Deutsche Experten bilden Sportlehrer für Menschen mit Behinderung aus

„O Globo“ hatte die Sommer-Paralympics 2012 übertragen. Ein Zeitungsredakteur des Konzerns sagte: „Bis jetzt zählen in den Medien nur die Olympischen Spiele. Wir hoffen, dass sich das nun ändert und durch die Paralympics die Situation für die Menschen mit Behinderung verbessert wird.“ Bis jetzt hat sich die Lage in jedem Land, das Paralympics ausrichtet, verbessert. Auch in Rio bewegt sich etwas. Rampen werden installiert, Bushaltestellen und Parkplätze umgebaut. Die Deutsche Sporthochschule Köln bildet dort Sportlehrer für Sportler mit Behinderung aus.

Umfassende Informationen gehörten zum Workshop. Andrew Parsons, Chef des Paralympics-Komitees von Brasilien, Marina Mello, Zuständige für die Paralympics beim nationalen Olympischen Komitee, der Medien-Professor Fernando Ewerton, Claus Ruegener, Sicherheitskoordinator für ARD und ZDF bei Olympia, sie alle referierten.

Das nationale olympische Komitee pusht nun die Paralympics über die sozialen Medien. Auch die Paralympics Zeitung arbeitet jetzt und bei den Spielen (7. bis 18. September) mit einem Social-Media-Team.

Top 5 im Medaillenspiegel, das ist das Ziel von Brasiliens Team. Es wäre das Ergebnis einer konsequenten Nachwuchsarbeit. Brasilien richtet die größten Schulsport-Wettkämpfe der Welt für Schüler mit Behinderung aus, die Paralympics-Sieger von 2012, Alan Oliveira und Felipe Gomes, wurden dabei entdeckt. Geld für den Behinderten-Sport fließt aus Lottomitteln, in einem Fördersystem werden tausende Athleten unterstützt.

David Hock beim Schreiben eines Artikels.
David Hock beim Schreiben eines Artikels.Foto: Thilo Rückeis

Sehbehinderte Sprinterin ist eine von Brasiliens Goldhoffnungen

Eine von Brasiliens Goldhoffnungen ist eine zierliche Frau, deren Beine in schwarzen Leggings stecken. Sie steht beim Grand Prix auf der Bahn und weint. Veronica Hipolito weint, weil sie gerade die 100 Meter gewonnen hat. Sie weint über ihr gelungenes Comeback. 2013 hatte die stark Sehbehinderte WM-Gold über 200 Meter und -Silber über 100 Meter gewonnen. Mit 17 Jahren. Doch das ganze Jahr 2015 war sie verletzt. Und nun diese Rückkehr.

Später trifft sie auf die Nachwuchsjournalisten, darunter die Brasilianerin Natalia Belizario. Die waren ja hier, um Sportler zu interviewen. Als die Sprinterin dann Belizario erkennt, fallen die beiden sich um den Hals und drücken sich sekundenlang. Aus gutem Grund: Sie gingen zusammen zur Schule.

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