Paralympics-Zeitung : Wie Jungreporter von den Sommerspielen berichten

Viel geleistet haben bei diesen Sommerspielen nicht nur die Athleten – auch die Schreiber der „Paralympics Zeitung“.

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Die Nachwuchsreporter im Pressezentrum im Paralympic Park im Stadtteil Barra de Tijuca.
Die Nachwuchsreporter im Pressezentrum im Paralympic Park im Stadtteil Barra de Tijuca.Foto: Thilo Rückeis

Das Gefühl, das diese Paralympics über eine Millionenmetropole brachten, hat der 22-jährige Joao Pedro Soares treffend zusammengefasst: „Vorher dachte ich, wenn ich jemanden mit Behinderungen sah: ,wie schade‘. Jetzt frage ich mich sofort, wie viele wahnsinnige Sachen diese Person machen kann, wenn sie die richtigen Möglichkeiten hat.“

Joaos Deutsch ist nicht perfekt – aber fast. Er ist in Portugal geboren, lebt in Brasilien und besitzt beide Staatsbürgerschaften. Sein Schuldeutsch hat er bei einem Auslandssemester in Köln verbessert. Der junge Mann mit den dunklen Locken ist Teil des Projekts, das der Tagesspiegel mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) bei den Paralympischen Spielen in Athen 2004 ins Leben gerufen hat. Und das bei den diesjährigen Paralympics in Rio de Janeiro zum siebten Mal stattfinden konnte. Bei den Paralympics, die zwei Millionen Besucher in die Stadien holten und die für den Behindertensport einerseits, für die Inklusion von Menschen mit Behinderung andererseits, eine enorme Rolle spielten.

Die Paralympics in Rio de Janeiro waren ein Treffen von Menschen mit und ohne Behinderung vieler Nationen, die am Ende einfach alle zusammen feierten, sich akzeptierten und sich anfreundeten. Und genau so war es auch für die Jungreporter, die für die „Paralympics Zeitung“ (PZ) dabei waren.

Die Reporter schrieben in drei Sprachen für drei Zeitungen

Ein ganzes Hostel im südlichen Stadtteil Rios, Recreio dos Bandeirantes, wurde nicht nur zur Ideenschmiede und zum Wohnort von 22 jungen und talentierten Reportern, sondern auch zur Redaktion der deutschen „Paralympics Zeitung“, des brasilianischen „Jornal Paralímpico“ und der „Athletes and Abilities“ auf Englisch.

Die Reporter schrieben also für drei Zeitungen – in drei Sprachen. Alle halfen sich gegenseitig bei den Übersetzungen, am Ende waren natürlich fachlich versierte Redakteure in der jeweiligen Sprache für den Feinschliff zuständig. Neben den Tagesspiegel-Redakteuren vor Ort war die brasilianische Zeitung „O Globo“ Partner. Und das Jungreporterteam war auch auf allen Kanälen bei den sozialen Medien aktiv.

Joao war einer der 22 Jungreporter, und wie dem 22-Jährigen ging es so vielen Cariocas, den Einwohnern Rio de Janeiros, die auf den Zuschauerrängen tanzten, grölten, sangen. Sie bewunderten die Athleten, die enorme sportliche Leistungen zeigten – und das Gefühl von Normalität vermittelten. Nicht zuletzt infolge der starken Preissenkungen bei den Tickets strömten die Brasilianer mit ihren Familien in die Stadien und Arenen. Sie sahen ihnen völlig unbekannte Sportarten – wie etwa das Goalball, ein Wurfspiel für Sehbehinderte – zum allerersten Mal. Mit Neugier und Aufgeschlossenheit wurden diese Spiele von ihnen aufgenommen.

Voller Einsatz. Die Rollstuhlbasketballerinnen holten Silber.
Voller Einsatz. Die Rollstuhlbasketballerinnen holten Silber.Foto: Thilo Rückeis

Die größte Schwierigkeit: die weiten Entfernungen

Wie die Cariocas mit ihren Sportlern, wuchsen auch die Nachwuchsreporter zusammen. Jeden Morgen schwärmten die Reporter in Grüppchen aus, um zum Paralympischen Park, dem Olympia-Stadion oder etwa nach Lagoa, wo Ruder- und Kanuwettkämpfe ausgetragen wurden, zu fahren. Jeder Reporter hatte ein bis drei Sportarten, für die er zuständig war und über die er berichtete. Diese Sportstätten lagen weit auseinander – Rio ist groß, das musste so mancher feststellen, wenn er manchmal schon um 7 Uhr den Shuttlebus vor der Tür nehmen musste, damit er den um 9 Uhr angesetzten Wettkampf nicht verpasste.

Das war auch das Schwierigste für David Hock, 19 Jahre, aus Pinneberg. „Es ist schön, dass man keinen Shuttle mehr erreichen, keinen Bus kriegen und sich nicht hetzen muss“, sagte er nach dem Projekt. Aber das war für ihn das einzig Negative. David hat schon seit der Geburt keine Arme und Hände – das hält ihn nicht davon ab, Journalist zu werden. Warum auch. Mit seinen Zehen tippt er wie andere mit ihren Fingern. Seit über einem Jahr hatte David auf die Erfahrung in Rio hingefiebert, die Paralympics hatten ihn schon sehr lange interessiert. Und als er dann vor allem im Schwimmstadion, war, stellte er fest: „Ich war nicht der einzige Besondere dort. Meine Behinderung hatte im zwischenmenschlichen Umgang kein Alleinstellungsmerkmal mehr.“ Das hat er sehr genossen.

Seit 2004 gibt es die „Paralympics Zeitung“

Den brasilianischen Schwimmstar Daniel Dias, der Gold holte, interviewte David gleich am Anfang. „Und da hat der Zusammenhalt mit den Brasilianern in unserem Team eine Rolle gespielt“, sagt David. Weil Dias kein Englisch spricht, übersetzte einer der brasilianischen Jungreporter. „Ziemlich cool“, findet David.

Er selbst wurde zur Berühmtheit des Teams – etliche Medien berichteten über ihn und über die „Paralympics Zeitung“, etwa die ARD-„Sportschau“ – und sogar ein türkisches Fernsehteam wollte wissen, was die jugendlichen Reporter mit den blauen T-Shirts zu sagen haben.

Jungreporter mit PZ-Ideengeber Gregor Doepke (2.v.l.) von der DGUV und deren Geschäftsführer Joachim Breuer.
Jungreporter mit PZ-Ideengeber Gregor Doepke (2.v.l.) von der DGUV und deren Geschäftsführer Joachim Breuer.Foto: Thilo Rückeis

Die „Paralympics Zeitung“ berichtet seit 2004 über die Paralympischen Spiele und die Bedeutung des Sports in der Rehabilitation. Kern der Idee ist, dass immer Nachwuchsjournalisten aus Deutschland und dem gastgebenden Land die Wettbewerbe vor Ort begleiten. Die Ausgaben der Zeitung erscheinen zu den Paralympischen Sommer- und Winterspielen und zu besonderen Ereignissen des Behindertensports. Das Herausgeber-Duo der „Paralympics Zeitung“ bilden der Tagesspiegel und die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung DGUV, der Deutsche Behindertensportverband (DBS) ist langjähriger Projektpartner. Wie wichtig das ist, betonte DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher, der sagte, er könne sich die Paralympics ohne die „Paralympics Zeitung“ gar nicht mehr vorstellen.

Bewegende Erfahrungen

Diesmal schickte die DGUV ein zusätzliches Social-Media-Team mit auf die Reise, bestehend aus ehemaligen Redakteuren der PZ. Die Fotos, Videos und Interviews, die die Jungreporter von und mit den Athleten machten, landeten so innerhalb von Sekunden in den sozialen Netzwerken bei Twitter, Instagram, Facebook und Co. – über diese Kanäle wurde auch der Kontakt zu den Sportlern hergestellt, die man erst anschrieb, später beim Wettkampf sah und dann in der Mixed Zone traf. Gab es am Anfang Berührungsängste bezüglich der Sport-Stars, machten die Reporter schließlich auch Fotos von sich mit den Athleten. „Ich fühle mich als Teil dieser Paralympics-Geschichte. Und es war auch super, so talentierte Kollegen aus Brasilien, Deutschland und UK kennenzulernen und mit ihnen zusammenzuarbeiten“, findet Joao Soares. Den Kontakt zu seinen deutschen Kollegen will er auf jeden Fall aufrechterhalten, wenn er als freier Journalist in Rio arbeitet.

Auch bei David Hock haben die intensiven zwei Wochen Spuren hinterlassen: „Es war so geballt. Ich lag jeden Abend im Bett und habe die Augen zugemacht – dann sind alle Bilder ungeordnet durch meinen Kopf gerast –, so viele Eindrücke ...“ Das Projekt habe ihn offener gemacht, sagt er: „Ich habe so viele Leute kennengelernt. Für mich war die bewegendste Erfahrung, mit so vielen Menschen mit Behinderung zusammenzusein und dass es keine Rolle mehr gespielt hat.“

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