Pariser Platz : Die Wunde der Stadt ist geschlossen

Am Freitag wird die US-Botschaft eröffnet. Der Pariser Platz ist damit endlich wieder komplett - 63 Jahre nach der Zerstörung, die der Krieg zurückließ.

Lothar Heinke
US-Botschaft
Am Freitag wird die US-Botschaft eröffnet. Der Pariser Platz ist damit endlich wieder komplett - 63 Jahre nach der Zerstörung, die...Foto: Getty

Die Stille tut weh. Kein Ton, nirgends. Schalldichte Fenster. Gardinen, hinter denen das Tageslicht dämmert. Nur ein heller Strahl fällt auf den dunklen, streng geflochtenen Teppich an der Wand. Zehn Stühle, ein Stein. Sonst nichts in diesem „Raum der Stille“ rechts vom Brandenburger Tor. Es ist fast zu schön, um wahr zu sein, dass sich die Stadt – arm, aber geldgierig – seit 14 Jahren solch eine meditative Oase leistet. Der Weg zu sich selbst kostet keinen Cent – 83 821 Besucher haben voriges Jahr hier die Stille gesucht, „Namenlose, Neugierige, Nachdenkliche“, wie einer der ehrenamtlichen Hüter des Hauses sagt, während er von seiner Strichliste aufblickt.

Doch wenn du die Klinke drückst und durch die schwere Tür nach draußen gehst, fällt das normale Leben wieder über dich her. Touristen schnattern, Stadtführer erklären die gute, nein, die beste Stube der Stadt. Unzählige stellen sich mit dem Rücken zum Brandenburger Tor in Fotopose, Pferdedroschken warten, die Brunnen plätschern, eine Schulklasse besingt spontan „Veronika, der Lenz ist da“, der ewige Soldat steht stumm und bewegungslos mitten auf dem Platz, ein anderer Darsteller namens Cahit mimt den unbekannten GI in Uniform und knallt DDR-Stempel auf eine ziemlich echte „Anlage zum Westberliner Personalausweis für Personen mit ständigem Wohnsitz in Berlin (West)“. Amerikanische Touristen sind verwirrt: Einer von unserer Militärpolizei im Ostsektor, und dann noch diese kommunistischen Stempel? Cahit hat wegen der friedlichen Koexistenz auch noch eine Rotarmistenmütze dabei, die liegt auf der Erde, man kann Geld hineintun. Letztens hat er sich einmal umgedreht – und schon war die Mütze weg.

„Woter! Ick hew cold Woter!“ ruft jetzt ein lustiger Vogel von seinem Dreirad, aus dem das schmelzende Eis tropft, ein Euro die Flasche, glatt geschenkt an diesem Platz. Und dann marschiert da auch noch der olle Fritz mit Dreispitz, Stiefeln und Gehrock durchs Gelände, bereit zur Führung wissbegieriger Untertanen. Nun entrollen Protestierer ihre Plakate gegen den Irrsinn in dieser Welt, oder Fotografen rücken lila Kühe, blonde Models oder Erdbeerköniginnen so, dass die Rosselenkerin vom Tor ins Bild fährt. Ach, eigentlich ist unser Wohnzimmer ein Rummelplatz, die beste Berliner Bühne mit ihren stetig wechselnden Hauptdarstellern.

Wenn die Amerikaner am kommenden Freitag, am 4. Juli, mit den Berlinern die Eröffnung ihrer Botschaft feiern, dann bedeutet das: Der Pariser Platz ist nun wirklich und endlich wieder komplett. Mit dem Neubau der US-Ambassy an ihrem angestammten Platz wird die letzte Lücke auf dem Geviert geschlossen, alle Häuser stehen wieder, 63 Jahre nach den Zerstörungen, die der Krieg 1945 zurückließ, und 47 Jahre, nachdem die Mauer diesen Ort zum Niemandsland degradiert hatte.

Als die Berliner Ende 1989 den Pariser Platz stürmten, sahen sie so gut wie nichts: Leere, Kahlheit, Tristesse. Nur die Reste der Akademie der Künste ragten aus dem Boden, ausgerechnet mit jenem Saal, in dem Adolf Hitler und Albert Speer ihren Größenwahn als Welthauptstadt Germania modelliert hatten. Alles andere war weg. Fast. Denn das Symbol des Platzes blieb schon 1945 und erst recht 1989 unbesiegbar. Und heute ist das Brandenburger Tor die Krone, das Juwel.

Der Wiederaufbau der Leerstelle begann nach der Wende mit dem Hotel „Adlon“ anno 1994, zwei Jahre später folgte ein Spatenstich dem nächsten: „Haus Sommer“ und Liebermann-Haus beiderseits des Tores, die Dresdner Bank, das „Tucher“-Haus, die DZ-Bank, in der sich Architekt Frank O. Gehry mit seiner amorphen Walfisch-Skulptur im Innern austobte, weil er das im äußeren Erscheinungsbild nicht durfte. Um wie viel Großes und Kleines wurde damals gestritten: die Höhe. Die steinernen Richtlinien. Bitte kein Glas, besonders nicht an der Akademie der Künste. Und das Adlon – darf man denn ein solches Haus einfach kopieren? Der Platz hat alle Schaumschlägereien ganz gut überstanden, er ist ein zeitloses Sammelsurium an modernen Häusern, die den Flaneur umstellen, reine Stilblüten sind nicht dabei. Und der „Pariser“ ist ein Tummelplatz, weil sie mutig die Autos verbannt haben, trotzdem war es einst ein großes Glücksgefühl, mit dem Cabrio durchs Tor zu brausen.

Der alte Pariser Platz war durch die Jahrhunderte eine Kulisse für Kriegsgeschrei und Siegestaumelei. Gemälde und später Fotos zeigen da: Napoleon reitet am 27. Oktober 1806 ein, um dann die komplette Quadriga zu klauen, aber unrecht Gut gedeihet bekanntlich nicht, er muss die Victoria wieder hergeben, denn am 7. August 1814 kommt Friedrich Wilhelm III. an der Spitze der siegreichen Preußen auf den Platz, der am 15. September 1814 als Erinnerung an Napoleons Niederlage vom „Quarree“ in Pariser Platz umbenannt wird, das Achteck am Potsdamer Thor wird zum Leipziger Platz. Militärisch geht’s weiter, im Gleichschritt marsch, bis im August1961 die letzten Hacken zusammenschlagen und eine Mauer nicht nur Berlin für 28 lange Jahre teilt. Der Platz darf nur von fern besichtigt werden. Bis die Mauer fällt.

Heute sagt Raffaele Sorrentino, dass für ihn dieser Ort jeden Tag aufs Neue Freude ausstrahlt. „Er ist der Stolz von Berlin“, meint der Chef-Concierge und „Guest Service Direktor“ vom Adlon, „und die neue Botschaft ist ein Zeichen dafür, dass jeder wieder seinen Platz einnimmt in der Stadt“. Unzählige Male hat der Italiener prominenten Gästen diesen Platz mit seiner aufregenden Geschichte erklärt, von hier ströme „positive Energie“, und wer aus der Präsidentensuite im 5. Stock guckt, empfinde eine große innere Freude. Sein schönstes Erlebnis? Als George Bush sen., Michail Gorbatschow und Helmut Kohl in der Lobby saßen und dann über den Platz gingen, unter der Quadriga stehen blieben und sich schweigend an den Händen hielten, bis einer sagte, dass das alles vor kurzem noch nicht möglich war. „Das hat mich so tief berührt, dass sich die Haare sträubten. Auch solche Gefühle weckt dieser Platz.“

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