Pariser Platz : Macht das Tor auf!

Berlin hätte mit dem Pariser Platz, mit dem Brandenburger Tor und einer einzigartigen neuen U-Bahnstation das schönste Ensemble. Doch Billigbühnen, Grillbuden und Barrieren verhunzen im Jubiläumsjahr des Mauerfalls die Hauptstadt. Ein Protest

Peter von Becker
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Wo ist das Brandenburger Tor? Eine ungetrübte Sicht auf den Pariser Platz gerät schon fast zum Glücksfall. -Foto: Rückeis

So kann es nicht weitergehen. Mitten in Berlin, am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor. Selbst hinter den leisen, diplomatischen Kulissen der anrainenden Botschaften der USA und von Frankreich wächst der Unmut. Den äußert jetzt unverblümt Monika Grütters, kulturpolitische Sprecherin der CDU-Bundestagsfraktion und Vorstand der Stiftung Brandenburger Tor. Ihr ist während der Leichtathletik-WM kürzlich der Kragen geplatzt.

An die Organisatoren des sogenannten WM-„Kulturprogramms“, das inklusive Auf- und Abbau von Bühnen und Buden den ganzen August über den größten Teil des Pariser Platzes am Brandenburger Tor belegt hatte, schrieb Grütters vorletzte Woche: „Wir sitzen mittendrin im Zelte-Chaos“, und „ganz ehrlich: so etwas Furchtbares haben wir hier selten erlebt, und wir sind wirklich leidgeprüft! Aber der Blick aus unseren Fenstern zeigt uns die schlimmsten Frittenschmieren, Cola-Schirme, Plastikzelte und eine Stimmung, wie sie ordinärer kaum sein könnte.“

Im Max-Liebermann-Haus neben dem Brandenburger Tor, dem Sitz der Stiftung, sind Kunstausstellungen und kulturelle Veranstaltungen inzwischen einen Großteil des Jahres von außen kaum mehr erkennbar und nur mühsam zugänglich. Bei der jüngsten, dem einstigen Hausherrn Max Liebermann mitgewidmeten Großausstellung über deutsche „Künstlerfürsten“ habe es, sagt Monika Grütters, „zwischen der Eröffnung am 4. April und dem Ende am 5. Juli nur ein einziges Wochenende gegeben, an dem der Pariser Platz nicht blockiert war“.

Wenn ein WM-Marathonlauf am Brandenburger Tor endet, schaut die Welt auf Berlin. Doch statt für solche Ausnahmeereignisse reserviert, wird das markanteste Symbol des Landes unentwegt verramscht. Selbst zur Sechzigjahrfeier des Grundgesetzes im Frühjahr zerstörten Infostände auf politischem Kirmesniveau das beste Bild der Stadt, und als Kulisse des „Deutschlandfests“ am 3. Oktober droht neuerlich ein billiger Budenzauber.

Auch Gäste des Hotels Adlon fühlen sich in den ursprünglich so begehrten Zimmern hin zum Brandenburger Tor oder im sommerlich offenen Restaurant am Pariser Platz häufig durch Lärm, Container, Gestank und Müll belästigt. Gleich gegenüber, im Kennedy-Museum neben der Französischen Botschaft, prangt derweil ein Riesenfoto von Barack Obama. Der amerikanische Präsident hält sich darauf die Finger an die Nase – mit gutem Grund. Sein Blick ging zuletzt nur noch: auf Dixi-Klos.

Auch Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste am Pariser Platz, ist irritiert: „Ich bin durchaus für großstädtisches Straßenleben und habe gar nichts gegen Bier und Currywürste. Aber was am Pariser Platz und an ähnlich zentralen Orten in Berlin passiert, geht die Würde einer Hauptstadt an, und die wird durch derart kommerzielle, triviale Nutzungen beschädigt.“ Ebenso argumentiert auch Adlon-Hoteldirektor Stephan Interthal, der einerseits die obersten WM-Offiziellen beherbergte, andererseits nebst anderen Behelligungen zuletzt sogar die Hotel-Vorfahrt an den Hinterausgang verlegen musste. Behutsam im Ton mahnt er eine Selbstbesinnung der Stadtpolitik an, ähnlich dem französischen Botschafter, der schon im letzten Jahr einmal an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit geschrieben hatte.

Interthal zum Tagesspiegel: „Wir freuen uns, dass nach dreieinhalb Jahren U-Bahnbaustelle sich allen Besuchern der schönste und geschichtsträchtigste Platz der deutschen Hauptstadt wieder frei öffnen kann.“ Doch, fügt er hinzu, es sollten hier künftig „nur noch Veranstaltungen von herausragender Qualität und besonderer politischer, sozialer oder kultureller Bedeutung“ stattfinden. „Man müsste da strenger auswählen!“

Tatsächlich: Gibt es das sonst irgendwo auf der Welt? Eine Stadt will mit ihrem hochberühmten Wahrzeichen werben, locken, Menschen animieren – und verstellt es, verrammelt, verrummelt und versteckt es wieder und wieder. Dabei hatten sich alle gerade erst so gefreut. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall und der Öffnung des Brandenburger Tores war vor drei Wochen die neue, 320 Millionen Euro teure U-Bahnlinie 55 („Kanzlerbahn“) zwischen dem Hauptbahnhof und dem Pariser Platz eröffnet worden.

Also fielen zwischen dem Boulevard Unter den Linden und dem Brandenburger Tor die Bauzäune, verschwanden die Kräne und Blechcontainer. Endlich schien das Entree zum Tor und dem Pariser Platz mit seinen Fontainen und Flanierflächen wieder offen zu sein. So schön und zivil wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein ganz neuer Magnet für Einheimische und Touristen ist zudem der U-Bahnhof Brandenburger Tor. Die Berliner Architekten Axel Oestreich und Norbert Lehmann haben nicht nur eine der elegantesten U-Bahnstationen der Welt geschaffen, sondern auch ein Stück weltgeschichtliches Stadt-Museum.

LED-beleuchtete Illustrationen, kluge zweisprachige Texte, Schriftbänder und allerlei Screens informieren eindringlich unaufdringlich über die Geschichte des Pariser Platzes und des Brandenburger Tores: vom Großen Kurfürsten bis zu Hitler, Krieg, Mauer, Kaltem Krieg und Wiedervereinigung. Das steigert die Lust, diesen Ort gleich real zu sehen.

Doch wer in diesen ersten Wochen der neuen Berlin-Attraktion aus dem Untergrund zum Ausgang „Pariser Platz / Brandenburger Tor“ strebte, der sah weder Platz noch Tor. Im Sommerlicht prallte man sofort auf Grillbuden, Zeltplanen, Müllcontainer und, genau in der Sichtachse zum erhofften Tor, auf eine schwarze, tunnelartige Wurst. Das war das so (rätselhaft) genannte „Kulturstadion“ der Leichtathletik-WM, das optisch vor allem von Werbebotschaften eines koreanischen Technikkonzerns beherrscht wurde.

Spielte am Ende nicht gerade Nigel Kennedy auf der Wurst-Bühne vorm Tor, dann sah man an den schönen Sommerabenden während der WM zwischen den Buden mit Pommes, Bier und heftig beworbenen „Zombie“-Cocktails eher zielloses Geschlurfe, schwitzendes Rumstehen, ein bisschen Public Viewing – aber nichts von der Fanfülle und Begeisterung des Fußball-WM-Sommermärchens. Vor allem war es eine Enttäuschung für die Touristen aus aller Welt. Wochenlang blieb das Brandenburger Tor nicht nur durch Maschendraht, sondern mit meterhohen undurchsichtigen Bauplanen verrammelt, vor denen man japanische Pärchen, spanische Reisegruppen oder bayerische Rentner verzweifeln sah. Sie waren alle gekommen, um das Tor zu sehen und von sich dort ihr Erinnerungsfoto zu machen. Unmöglich.

Aber Berlin, und das geht seit vielen Jahren so, Berlin verbarrikadiert sein Wahrzeichen zur Hauptreisezeit mit allen nur hässlichen Mitteln. Auch auf der anderen Seite des Tores am Platz des 18. März: wiederum prolligster Kommerz vom Tor Richtung Reichstag, ja, die Grillstände und Bierbuden reichen im Sommer exakt bis zu den ersten Kreuzen für die Mauertoten. Etwas Vergleichbares wäre in anderen Metropolen, in Paris am Arc de Triomphe oder vor dem Louvre, auf dem römischen Kapitol oder auf der Plaza Mayor in Madrid undenkbar.

In Berlin jedoch wird der kostbarste öffentliche Raum fast bedenkenlos ver- slumt und verramscht. Das gilt beispielsweise auch für den Breitscheidplatz und die von Billigstbuden umstellte Gedächtniskirche. Hier hat sich die zuständige Evangelische Kirche längst selbst vergessen. Für das Stadtzentrum aber hat das Bezirksamt Mitte in Zusammenarbeit mit dem Senat nun immerhin Richtlinien für „Sondernutzungsgenehmigungen an ausgewählten Orten“ herausgegeben (vgl. Tsp. vom 15. Juli). Das an sich vernünftige Papier öffnet allerdings weiterhin zahllosen Ausnahmefällen die Tür.

Das gilt für den Pariser Platz ebenso wie für den Bebelplatz, den Ort der Bücherverbrennung im Jahr 1933. Das wunderbar stille, in den Platz zwischen Staatsoper und Humboldt-Universität eingelassene Mahnmal des israelischen Künstlers Micha Ullmann darf „traditionell“ (so das Papier) auch weiterhin durch eine vorweihnachtliche Eisbahn tangiert und durch Zelte und Modeschauen während der zweimal jährlichen Fashionweek überbaut werden. Als der jahrelang verfolgte Schriftsteller Salman Rushdie vor einiger Zeit den Bebelplatz besuchte, soll er fassungslos gewesen sein über eine solche Missachtung. Micha Ullmann, der die Größe hat, nicht selber zu protestieren, wird demnächst 70 Jahre alt, und zu seinem Geburtstag hat die Akademie der Künste eine Festschrift initiiert. Darin wird von der Berliner Kulturpolitikerin Monika Grütters zu lesen sein: „Ich schäme mich, dass auf dem Bebelplatz immer noch mit kommerziellen Veranstaltungen auf Ihrem, auf unserem Mahnmal herumgetrampelt werden darf.“

Im Berliner Senat sind einige Politiker wie etwa Kulturstaatssekretär André Schmitz längst ähnlicher Meinung. Doch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer oder der Regierende Bürgermeister halten sich in der Sache unvornehm bedeckt. Das Argument ist dann, Berlin sei halt sexy, aber arm. Doch die Verbudung Berlins – ein Fall stadtpolitischer Prostitution – ist nicht sexy, sondern erbärmlich. Und bringt der Stadt viel weniger Geld als manche vermuten.

Denn was in mehreren parlamentarischen Anfragen in den letzten Jahren nie präzise zu klären war, ergibt eine Recherche bei Harald Büttner, Leiter des Straßen- und Grünflächenamts im Bezirk Mitte. Nach seinen Auskünften blieb bei der Leichtathletik-WM die Nutzung des Pariser Platzes durch das „Kulturstadion“ (trotz Werbeflächen!) gebührenfrei; für die Ess- und Trinkbuden aber werde inklusive Auf- und Abbau demnächst eine Gebührenrechnung über 32  877 Euro ergehen: für einen Monat Besetzung dieses einzigartigen Orts der deutschen und europäischen Geschichte.

Die Fashionweek hat für ihre Veranstaltungen auf dem Bebelplatz im Winter und Sommer 2009 insgesamt rund 85 000 Euro an das Land Berlin überwiesen. Warum aber Mode-Zelte ausgerechnet dort? Wo es doch an hippen und repräsentativen Locations in Berlin nicht mangelt. Auch nicht für Anlässe, die bisher den Pariser Platz entstellen. Auf der ohnehin oft abgesperrten Straße des 17. Juni ist ja reichlich Platz für jegliche Fan-Meilen und Vermischungen von Sport, Party und ambulanter Gastronomie: mit dem deutschen Wahrzeichen als dann unverstelltem werbewirksamen Hintergrund. Für den Vordergrund aber gilt, frei nach dem legendären Aufruf von US-Präsident Ronald Reagan: Herr Wowereit, machen Sie das Tor auf, Herr Wowereit, reißen Sie diese Buden und Barrikaden ein!

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