Berlin : Party-Society: Der Mitnahme-Affekt

Elisabeth Binder

Eigentlich hatte das Publikum eine ganz normale Premierenparty erwartet. Sekt, Häppchen, womit man eben so rechnet, wenn die Columbia Tri-Star ins Kulturforum einlädt. Aber dann. Erst regte sich leichte Verwunderung, dann Neugier, und dann gab es schließlich kein Halten mehr. Überall Kisten mit frischen Früchten, Lollipops, Schokoriegeln, Kakaogetränken, sogar Vanillesauce. (Wozu braucht der Mensch Vanillesauce, wenn weit und breit keine Rote Grütze in Sicht ist?).

Der Raum war zu Ehren der Werbe-Komödie "Viktor Vogel - Commercial Man" wie ein Supermarkt hergerichtet. Brigitte Eckmann, Fetenmacherin aus München, appellierte an den Jagdinstinkt der Premierengäste und folgte damit einem neuen Trend: Party als Psycho-Trip.

Erst blieben sie in Gruppen zögernd davor stehen, dann griffen sie zu, immer beherzter. "Das nehmen wir jetzt einfach." Die einen unauffällig, die anderen mit selbstbewusstem Mut zur Gier. Die notorischen Give-Aways, die bei manchen größeren Festen den Gästen beim Abschied in Tüten in die Hand gedrückt werden, machen längst nicht solchen Spaß. Sie sind skandalträchtig, wenn der Inhalt zu teuer ist, und pendeln ansonsten zwischen Wundertütencharme und Staubfängerlästigkeit.

Aber die Ananas, die direkt aus der Kiste in die Handtasche versenkt wird, die bringt Augen zum Glitzern. Und eine Flasche Prosecco aus dem Karton dort vorne passt auch noch dazu. Das ist für viele Gäste offensichtlich der ultimative Kitzel, die befreiende Fortsetzung der Schlacht am Kalten Büffet. Die spätabendliche Vermählung niederer Grabbelinstinkte mit dem hochvornehmen gesellschaftlichen Ereignis. Hier wird man nicht nur eingeladen, Sekt zu trinken und Häppchen zu essen, hier darf man plötzlich ein Benehmen zeigen wie bei Benetton im Schlussverkauf.

Es kommt ja im Grunde nicht darauf an, etwas geschenkt zu bekommen; die Protagonisten der Luxusgesellschaft, die sich auf den feineren Festen tummelt, haben sowieso schon alles, und die meisten Give-Aways landen in der Ecke, oder, wenn sie Glück haben, bei der Haushälterin: dem viel zu süßen Parfüm geht es da nicht besser als dem Spielzeugauto.

Der Instinkt des Habenwollens prägt unsere Gesellschaft; ihn spielerisch auszutoben tut gut, befreit. Wo die Entfernung zur Tugend Bescheidenheit immer größer wird, lebt sich ein zähnefletschender Konsum-Darwinismus umso lieber aus: Wer die größten Taschen hat, gewinnt. Dies alles in einem hoch zivilisierten Ambiente und unter honorigen Leuten zu tun, schreibt der Party eine Funktion zu, die früher vor allem das Theater übernahm: die Katharsis erlebt der moderne Mensch zwischen Kamerateams und Abendkleidern. Die Macherin der Party mit den Grabbelkisten hat da nur etwas weitergedacht, was im Grunde schon lange auf der Entwicklungsschiene schlummerte.

Früher waren Partys oft Begleiterscheinungen von kulturellen Veranstaltungen; die Vernissage nur ein dezenter Rahmen für die ausgestellte Kunst, die Premierenparty eine dringend gewünschte Zusammenkunft, um das gerade Gesehene, Gehörte, Erlebte zu diskutieren, auf kommunikativer Ebene mit anderen zu teilen. Aber wer hat, in einer Zeit, in der Selbstdarstellung Wege zu Ruhm und Reichtum ebnet, schon noch Zeit, fremde Werke zu sehen und zu erleben? Der Blick in den Spiegel reicht doch auch, bevor man sich mit anderen mischt.

Die Münchner Bussi-Society hat vorgemacht, dass man Partys auch ganz prachtvoll ohne vorgegebene Inhalte feiern, dass man sich, im Gegenteil, dabei aufs Wesentliche konzentrieren kann: die dekorative Ansammlung diverser Ichs mit dem extragroßen I am Anfang.

Die Zeiten seien allerdings lang vorbei, dass man sich bei (beziehungsweise vor oder nach) Filmpartys tatsächlich Filme antut, berichtete halb seufzend, halb lächelnd ausgerechnet der nette Münchner Oberbürgermeister Christian Ude kürzlich bei der Nominierungsparty zum Deutschen Filmpreis. Bei der waren zumindest noch Ausschnitte zu sehen.

Je mehr der Mensch nur als Selbstdarsteller überlebensfähig ist, desto weniger kann er die Bühne anderen Schauspielern überlassen. Die Eroberung der weltbedeutenden Bretter hat schon stattgefunden. Bei einem der beliebtesten gesellschaftlichen Ereignisse im Berliner Jahresreigen, der Aids-Gala, tanzt das geneigte Publikum auf der Bühne der Deutschen Oper - von Jahr zu Jahr mit wachsender Begeisterung. Noch gibt es ein Konzert vorab, aber wer weiß, wie lange noch.

Vielleicht ist diese neue Mode ja nur die Glamourvariante des Mitmachtheaters, das im Zuge der 68er Revolution zum Schrecken schüchterner Zuschauer wurde. Schüchternheit ist in der Glitzer-Gesellschaft eine Untugend, ein regelrechtes Laster; auf der Gewinnerseite steht immer derjenige, der sich selbst am glanzvollsten in Szene setzen kann.

Die wachsende Zunft der Party-Girls führt vor, dass sonstige Talente oder Kunstfertigkeiten überhaupt nicht mehr vonnöten sind, um sich ins Gespräch zu bringen. Berühmtheit um der Berühmtheit willen oder meinetwegen um der VIP-Einladung zur nächsten Fete willen, das reicht dem Glamour-Nachwuchs aus, selbst wenn ein Abitur vorhanden ist und dem Streben nach Höherem nichts im Wege stünde.

Die Partyinszenierung ist darüber ein Gewerbe mit beträchtlichem Zukunftspotenzial geworden. Bis zu 800 Leute wirken daran mit, und die Dirigenten oder Regisseure solcher Events, die Partymacher, werden dabei selbst zu Stars: umworben selbst von mächtigen Menschen, gesucht als Gesprächspartner, bewundert für ihre Fähigkeit, für die Kommunikationsbedürfnisse der Menschen extravagante Locations zu finden und dort immer witzigere Drinks und unkonventionellere Büffets zu präsentieren.

Da man aber irgendwann auch das alles schon gesehen hat, besteht der nächste Kick eben darin, Lockerungsübungen für die Seele zu veranstalten. Es kann die Fete nicht mehr fern sein, bei der statt Supermarktkisten Couches aufgestellt werden. Und zwar solche, neben denen echte Psychiater sitzen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben