Berlin : Pastor Niemann bietet einen Raum der Stille im Schatten des Funkturms

Raoul Fischer

Im Sommergarten des Messegeländes tobt zur Zeit der Bär: Bei ARD und ZDF werden die ersten Reihen durch laute Beats aus Lautsprechern erschüttert. Nur einen Steinwurf entfernt säuselt dagegen leise Musik aus zwei Glastüren der Halle 5.2. "Messeseelsorge, Raum der Stille" - das Gegenprogramm zum Multimedia-Beschuss.

Pastor Gerhard Niemann, ein gemütlicher 60-Jähriger mit weißem Bart, ist ehrlich: "Oft hört man, wie Vorbeigehende fragen, was Messeseelsorge sei. Andere glauben, hier gebe es einen Raum zum Stillen." Besucher kommen nur wenige, wie er erklärt. Eher schon die Aussteller und Fachbesucher. In erster Linie sei er aber für die vielen Angestellten der Messe Berlin da: "Von der Klofrau bis zum Geschäftsführer." Natürlich gibt es auch Notfälle: Herzinfarkt oder psychischer Zusammenbruch, Leute erfahren von Todesfällen - da sind die Mitarbeiter der Messe froh, wenn der Seelsorger hilft.

"Ich habe nicht den Ballast einer Gemeinde", erklärt der evangelische Pfarrer. Keine Verwaltung, dafür dicht an den Menschen. Auch an solchen, die von sich aus keine Gemeinde besuchen. Ein solches Erlebnis stand am Anfang seiner Laufbahn als Messeseelsorger. Seit 1983 hatte er, der ehemalige Camping-Seelsorger der Berliner Stadtmission, einen Stand auf der Internationalen Tourismusbörse gemietet und verteilte seine Broschüren. Ein Aussteller sagte zu ihm: "Kirche? Brauche ich nicht!" Nach drei Schritten hörte er ihn sagen: "Vielleicht brauche ich sie doch." - Sein Sohn hatte sich einer Jugendsekte angeschlossen.

Nachdem Niemann zunächst seine Arbeit inoffiziell auf verschiedenen größeren Messen verrichtete, ging die Berliner Stadtmission 1995 auf die Berliner Messedirektion zu. "Es gab eine Zusage, aber bis ich einen Raum bekam, hat es noch einmal 3 Jahre gedauert", sagt Niemann. Solange war "Handy-Seelsorge" angesagt, die einzige Möglichkeit, erreichbar zu sein. Der erste eigene Raum lag im sechsten Stock der Verwaltung. "Zwar näher am lieben Gott, aber zu weit weg von den Leuten." Jetzt hat er andere Räume, mitten im Geschehen.

Niemann ist inzwischen hauptberuflich für die Messe da. Früher war er Elektriker. Auf dem zweiten Bildungsweg ist er dann Pastor geworden. Man glaubt sofort, dass er auch im Blaumann eine gute Figur macht. Eine gute Basis, um auf Leute zuzugehen. "Manchmal werde ich an Ständen gefragt, ob man mir helfen könne", erzählt er. "Dann antworte ich: Stopp, das ist meine Frage!" Und er streicht sich über die Krawatte mit den bunten Buchstaben: "What would Jesus do? - Was würde Jesus tun?"

In dem Raum der Stille gibt es Mittagsandachten, ansonsten steht er jedem zu Meditation offen. "Nur das Kreuz nehme ich nicht raus", sagt er. Ein Problem, zum Beispiel für Muslime. Pastor Niemann setzt sich dafür ein, dass sie ihren eigenen Raum bekommen. Er habe schon gesehen, wie Muslime ihren Gebetsteppich neben der Toilette ausgerollt hätten.

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