Berlin : Patenschaften für einsame Europäer

Ein Kunstprojekt wird Realität: Künstlerin vermittelt Familien in Afrika

Nicolas Sustr/ddp

Gudrun F. Widlok sitzt in ihrem Büro in der Frankfurter Allee in Friedrichshain. Hinter der 37-Jährigen hängt eine Weltkarte, auf dem Schreibtisch stehen kleine Flaggen und ein Karteikasten. Sie wartet auf vermittlungswillige Kundschaft. Ihre Zielgruppe sind einsame Europäer, für die sie afrikanische Patenfamilien sucht. Das stiftet häufig Verwirrung, laufen Patenschaften doch normalerweise umgekehrt.

Vor allem zur Weihnachtszeit landen in den Briefkästen der Menschen in reichen Nationen Aufrufe, für „nur zwei Euro am Tag“ afrikanischen, asiatischen oder südamerikanischen Kindern Existenz und Ausbildung zu sichern. 1997 flatterte auch Widlok so ein Schreiben ins Haus, und sie begann nachzudenken. Afrika-Erfahrung hatte sie bereits gesammelt, unter anderem durch die Mitarbeit beim Schlingensief-Film „United Trash“, der 1995 in Zimbabwe gedreht wurde.

Als Ergebnis ihrer Überlegungen präsentierte sie ein Kunstprojekt. „Ich ließ Besucher Vermittlungsbögen ausfüllen und machte Fotos von ihnen“, sagt Widlok. Bis heute läuft die Prozedur so ab. Mit dem Unterschied, dass Widlok inzwischen tatsächlich Patenfamilien vermittelt hat. Was als eine irritierende Installation gedacht war, wurde zur Realität. Mit dem Preisgeld eines Kunstwettbewerbs finanzierte Widlok 2003 eine Reise nach Burkina Faso und Ghana. Mit im Gepäck waren die Anmeldebögen und Fotos der einsamen Europäer.

„Als ich das Projekt in Ougadougou vorstellte, gab es erst mal Gelächter. Es war so eine Mischung aus Schadenfreude, dass den Europäern auch etwas fehlt, und Freude über echtes Interesse“, sagt die Künstlerin. Dutzende Familien waren aber sofort bereit mitzumachen. Anhand der Fotos suchten sie sich jemanden aus, die Künstlerin notierte die Adressen, machte Fotos von den Paten zusammen mit den Porträts der Schützlinge. Sogar eine örtliche Zeitung berichtete darüber, dass „finanziell unabhängige Europäer“ Patenfamilien suchen, weil im Europa von heute die Geborgenheit und familiäre Wärme fehle, die es in Afrika immer noch gebe.

Geplant ist ein Film über das Projekt. Es laufen bereits sehr konkrete Verhandlungen mit einem Fernsehsender. „Wenn das klappt, fahre ich im September nach Ghana und Anfang nächsten Jahres nach Äthiopien“, sagt die Künstlerin. Was danach geschieht, weiß sie noch nicht. Der kreative Teil der Arbeit sei eigentlich erledigt, und als Künstlerin würde sie sich gerne wieder neuen Themen widmen.

Widlok würde sich freuen, wenn jemand „Adopted“ weiterführen könnte. Sie hegt die Hoffnung, dass mehr Kontakte der Menschen untereinander die Welt verbessern können. „Es müsste sich eine unabhängige Institution für die Finanzierung finden“, sagt sie. Im Moment hofft sie aber noch auf viele neue Kandidaten, die sich in ihrem Büro registrieren lassen.

Das Adopted-Büro ist Teil der Kunstausstellung „Kunstkreuz“. Frankfurter Allee 21, U-Bahnhof Frankfurter Tor, Tel. 0177-268 51 43, www.adopted.de

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