Berlin : Patienten mit Decknamen

Seit dem 11. September 2001 reisen viele Araber zur medizinischen Behandlung nach Berlin, nicht mehr in die USA

Ingo Bach

SIE KOMMEN AUS ALLER WELT, UM SICH IN BERLIN BEHANDELN ZU LASSEN

Früher war es der Starchirurg in den USA, der wohlhabende Patienten aus aller Welt anlockte. Heute schaffen das auch Mediziner in Berlin. Gerade die international renommierten Häuser wie Charité, Deutsches Herzzentrum oder die private Meoclinic, profitieren davon, dass arabische Scheichs und Geschäftsleute nicht mehr gerne nach Amerika reisen. Seit dem 11. September 2001 und spätestens nach dem zweiten Golfkrieg 2003 haben die Vereinigten Staaten an Attraktivität eingebüßt, freuen sich die hiesigen Krankenhausmanager. „Wegen der strengen Sicherheitsbestimmungen werden Araber bei ihrer Einreise in die USA streng gefilzt. Das mögen die gar nicht", sagt Stefan A. Loening, Direktor der Urologischen Klinik der Charité. Jeder Zehnte seiner Patienten kommt bereits aus dem Ausland, und Loening erwartet noch mehr. „Ich habe kürzlich einen der reichsten Männer der Welt behandelt – aus einem arabischen Emirat.“ Der Mann brauchte gleich zwei Krankenzimmer. Eines – das kleinere – für seine Bodyguards, das andere für sich.

Ähnliche Erfahrungen macht man auch in der Meoclinic an der Friedrichstraße. Die schicke Privatklinik in der 5. und 6. Etage des Quartier 206 steigerte seit April ihren Anteil an ausländischen Patienten von 20 auf 25 Prozent. Noch in diesem Jahr soll jeder Dritte der jährlich rund 1500 Meoclinic-Kunden aus dem Ausland kommen. Klinikgeschäftsführer Heinz R. Zurbrügg: „Ein arabischer Patient hat mir das so erklärt: ,Nach Amerika können wir nicht, nach England wollen wir nicht, also kommen wir nach Deutschland.’“

Minister und Angehörige arabischer Königshäuser habe man schon zu Gast gehabt, sagt Zurbrügg. Namen? Der Manager winkt ab. „Die darf ich Ihnen nicht nennen.“ So wie er machen alle Kliniken ein großes Geheimnis um ihre VIP-Gäste. Denn die erwarten neben der ärztlichen Kompetenz vor allem eines von ihrem Hospital: absolute Diskretion. „Wenn hochrangige Persönlichkeiten bei uns sind, checken sie unter Decknamen ein“, sagt Geschäftsführer Zurbrügg. Nur drei Personen aus der Klinikleitung kennen dann deren wahre Identität.

Meist bringen die VIPs auch ihre eigenen Bodyguards mit, so wie kürzlich der Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow. Der nutzte bei seinem Berlin-Besuch Anfang Juli die Gelegenheit, sich in der Meoclinic ambulant behandeln zu lassen. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt das Klinikmanagement übrigens nicht – man nimmt den Diskretionswunsch sehr ernst.

Über solche „Sicherheitsdetails“ hinaus würden die Ausländer in der Meoclinic nicht anders behandelt als Privatpatienten aus Deutschland, sagt Zurbrügg. Im Schnitt berechnet die Klinik pro Behandlungstag 500 Euro. Ist ein weiteres Zimmer für die Familie oder die Bodyguards nötig, kommen 120 Euro pro Nacht hinzu. Damit lägen die Kosten teilweise unter den Tagessätzen eines öffentlichen Krankenhauses. „Auch Wohlhabende schauen auf ihr Geld“, sagt Zurbrügg.

Das geben ihre Familien dann in Berlin mit vollen Händen aus: Meist übernachten sie in den umliegenden Luxusherbergen und nutzen die Zeit, wenn der Hausherr unterm Messer liegt, um in teuren Boutiquen einzukaufen. Gerade die arabischen Großfamilien, die oft mit dem Kranken mitreisen, bringen viel Kaufkraft mit. Dagegen kommen russische VIPs oft nur mit ihrer Ehefrau nach Berlin.

Aber nicht nur die Reichen dieser Welt lassen sich in Berlin kurieren, auch die ganz normal gesetzlich Versicherten aus EU-Staaten. Weil Deutschland noch freie Klinikkapazitäten hat, können diese Patienten hier so behandelt werden, wie es in ihren Ländern nicht oder nur nach langer Wartezeit möglich ist. In Norwegen zum Beispiel. Dort wurde das Gesundheitssystem teilweise so reformiert, wie für Deutschland geplant.

Die Charlottenburger Schlosspark-Klinik half bisher 55 Norwegern mit Augenproblemen. Jedes Jahr sollen hundert weitere hinzukommen. Nur die komplizierten Fälle - wie die Korrektur von schielenden Augen im Erwachsenenalter, Hornhautverpflanzungen oder die Rekonstruktion der Knochen an einem verletzten Auge - kämen nach Deutschland, sagt der Chefarzt der Augenabteilung der Klinik, Heinrich Bleckmann. „In Norwegen fehlen Operateure, so dass die Patienten dort bis zu sechs Jahre warten müssen."

Durch die ausländischen Patienten werde kein deutscher Kranker benachteiligt, versichert das Klinik-Management. Dies gelte für alle Krankenhäuser, sagt Andreas Priefler, Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Jedes Jahr kämen rund 30 000 Ausländer zur Behandlung nach Deutschland. „Kein einziger deutscher Patient muss deshalb auf ein Bett warten." Der Auslastungsgrad der Kliniken liege im Schnitt bei 92 Prozent, da sei immer noch Platz für mehr Fälle.

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