Berlin : Patienten sollen selbst wählen

Senat veröffentlicht Statistik: Welche Krankenhäuser operieren wie häufig Krebserkrankungen?

Ingo Bach

In Berlins Krankenhäuser werden immer mehr Krebspatienten operiert. Waren es im Jahr 2005 noch rund 16 400 Menschen, die sich deshalb „unters Messer“ begeben mussten, stieg die Zahl ein Jahr später auf knapp 17 200. Das geht aus den gestern von der Senatsgesundheitsverwaltung veröffentlichten Behandlungszahlen für 22 ausgewählte Tumorarten hervor. Über die Gründe für diese Entwicklung kann auch die Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei) nur spekulieren: „Es könnte sein, dass sich neue erfolgversprechende Operationstechniken durchsetzen“, sagte Lompscher gestern auf einer Pressekonferenz.

Zum dritten Mal seit 2005 legt die Gesundheitsverwaltung nun diese Zahlen vor, um mehr Transparenz in die Berliner Krankenhauslandschaft zu bringen. Denn die Fallzahlen erlauben – so sehen es Experten – Rückschlüsse auf die Qualität der Therapie. „Übung macht den Meister, und das gilt besonders für die Chirurgie“, sagt Frank Schieritz, in der Senatsgesundheitsverwaltung zuständig für die Krankenhausplanung.

Tatsächlich zeigen sich bei den Behandlungszahlen deutliche Unterschiede. So operierten die Mediziner der Charité in Mitte 275 Hautkrebspatienten, neun Berliner Kliniken taten dies im selben Jahr nur jeweils ein oder zwei Mal. Beispiel Brustkrebs: Im Vivantes-Klinikum am Urban gab es 597 Eingriffe, in vier Kliniken nur jeweils einen.

Gegenüber 2005 gab es bei einigen Operationen heftige Veränderungen. So konnte das Vivantes-Auguste Viktoria Klinikum die Zahl seiner Prostatakrebs-Operationen von 112 auf 267 mehr als verdoppeln. Vivantes hat zuvor mit der Genossenschaft der Urologen eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Auffällig ist auch der Sprung der Hautkrebs-Eingriffe im Vivantes-Klinikums am Friedrichshain von 6 im Jahr 2005 auf 82 in 2006. Hintergrund ist hier die Verlegung der Vivantes-Hautklinik vom Klinikum Prenzlauer Berg in das Klinikum am Friedrichshain.

Eine Empfehlung, Krankenhaus-Abteilungen mit geringen Fallzahlen zu meiden, will Senatorin Lompscher nicht geben. Der Patient müsse selbst entscheiden, ob er sich in einer Klinik behandeln lässt, die drei Tumoren einer Art im Jahr operiert, oder in einem Haus, das auf 300 Eingriffe kommt. Der Kranke soll also der Planungsbehörde ein Stück Arbeit abnehmen. Denn folgen die Menschen der Intention, dass hohe Fallzahlen auch auf eine hohe Behandlungsqualität hindeuten, dann folgt daraus eine zunehmende Konzentration der Behandlungen auf wenige Häuser. In der Kardiologie – also der Versorgung von Herzerkrankungen – habe Berlin durchweg gute Erfahrungen damit gemacht, ebenso in der Behandlung von Brustkrebspatientinnen, sagte Lompscher. Auf der anderen Seite zeigten Studien aber auch, dass über einer bestimmten Grenze die Behandlungsqualität wieder sinken könne. Hintergrund: Untersuchungen zum Zusammenhang von Fallzahlen und Behandlungsqualität bei Knieprothesen-Operationen hatten eine U-förmige Kurve ergeben. Das heißt, bei einer wachsenden Zahl von Knie-OPs verbesserte sich die Qualität kontinuierlich, doch über einer bestimmten Menge – ab etwa 500 Operationen jährlich – sank sie wieder. Die Forschung zu diesem Thema ist noch nicht abgeschlossen. Es bleibt also dabei: die Entscheidung für ein Krankenhaus erfordert einen mündigen Patienten – und die kompetente Beratung durch den einweisenden Arzt. Und dafür sind die Fallmengen eine wichtige Orientierung.

Mittelfristig will der Senat weitere Krankheitsbilder aufnehmen. „Wir prüfen, ob wir in der für 2010 geplanten Aktualisierung des Berliner Krankenhausplanes Indikationen wie zum Beispiel die Implantation künstlicher Knie- und Hüftgelenke berücksichtigen“, sagt Krankenhausplaner Schieritz.

Eine Auswahl für acht Krebsarten finden Sie in den nebenstehenden Grafiken sowie als zusätzlichen Service die Ergebnisse einer Ärztebefragung nach den empfehlenswerten Kliniken für die jeweilige Behandlung. Diese Umfrage hat der Tagesspiegel in Kooperation mit Gesundheitsstadt Berlin für den „Klinikführer Berlin 2007/2008“ im April/Mai 2007 durchgeführt. Insgesamt haben sich daran 1450 niedergelassene Mediziner beteiligt (siehe untenstehenden Text). Die komplette Senatsliste aller analysierten 22 Krebsarten finden Sie im Internet: www.berlin.de/sen/gesundheit/krankenhauswesen/krankenhausplan

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