Berlin : Patienten werden nur gegen Bares geimpft

Bis zu 1,3 Millionen Berliner müssen beim Arzt zahlen – Honorarstreit zwischen Ärzten und Ersatzkassen eskaliert

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Von Annekatrin Looss

Fast jeder dritte Berliner kann sich beim Arzt nur noch gegen Vorkasse impfen lassen. Die Kassenärztliche Vereinigung streitet sich mit den Ersatzkassen über die Kostenübernahme für lebenswichtige Impfungen wie Polio, Tetanus, oder Diphterie. Die ersten Ärzte sind nun dazu übergegangen, die Spritzen nur noch zu geben, wenn der Patient den Impfstoff selbst aus der Apotheke holt und dort bezahlt. Außerdem wird für die Impfung ein Honorar an den Arzt fällig, genau wie bei Privatpatienten. Betroffen sind 1,3 Millionen Berliner, die entweder bei der Barmer, DAK oder TK versichert sind. Hintergrund des Streits ist die Beendigung der bundesweit einheitlichen Honorar-Vereinbarung für Impfungen am 31. August. Jetzt müssen sich Ärzte und Krankenkassen auf Landesebene über die Entgelte einigen. Während die Kassenärztliche Vereinigung mit der AOK, der IKK und den Betriebskrankenkassen schon Verträge geschlossen hat, ist ein Abschluss mit den Ersatzkassen nicht in Sicht. Bei der Auseinandersetzung geht es vorrangig um die Honorare für Mehrfach-Impfungen für Kinder, wie die Impfkombination gegen Diphterie, Grippe, Polio, Tetanus und Keuchhusten. Bislang erhielten die Ärzte für jede Spritze von den Ersatzkassen knapp fünf Euro, egal wie viele Wirkstoffe sie enthielt. Jetzt fordern die Ärzte, zwischen Einfach- und Mehrfach-Impfungen zu unterscheiden. „Zwar bekommt der Patient bei einer Fünffach-Kombination nur eine Spritze, muss über jeden Wirkstoff aber einzeln beraten werden. Das sollte bei den Honoraren berücksichtigt werden“, so KV-Sprecherin Anette Kurth. Während die Ärzte für eine Fünffach-Impfung 15 Euro fordern, sind die Ersatzkassen nur bereit, 11 Euro zu zahlen. Für eine Grippeschutzimpfung verlangen die Ärzte sieben Euro, die Ersatzkassen bieten 5,50 Euro.

„Die Ärzte spielen auf Zeit“, so der Vorwurf von DAK-Sprecher Rüdiger Scharf. Auch der Sprecher des Verbandes der Angestellten Krankenkassen (VdAK), Andreas Kniesche, hat kein Verständnis für das Verhalten der Kassenärzte. „Wir haben uns mit unserem Angebot an dem Abschluss mit der AOK orientiert.“ Die zahle für eine Fünffach-Impfung auch nur 11 Euro. „Wir sehen nicht ein, warum wir als Ersatzkassen mehr zahlen sollen.“ Mit der AOK habe man ein ganzes Paket verhandelt, heißt es von Seiten der KV. „Während die Kasse für Impfungen relativ geringe Honorare zahlt, sei sie den Ärzten in anderen Bereichen deutlich entgegengekommen“, so Kurth.

Die Kassenärztliche Vereinigung hat den rund 350 niedergelassenen Kinderärzten und etwa 2000 Hausärzten nun empfohlen, medizinisch nicht dringend notwendige Impfungen um einen Monat zu verschieben. Den Impfstoff für unaufschiebbare Spritzen sollen die Ärzte über Privatrezepte verschreiben, auch für das Honorar bekommt der Patient eine Rechnung. „Wir können nicht ausschließen, dass die Patienten auf einem Teil der Kosten sitzenbleiben“, warnt Kurth. Neben den Arzthonoraren werden für eine Fünffach-Impfung 52 Euro fällig, der Grippe-Impfstoff kostet rund 12 Euro. Die Ersatzkassen beruhigen ihre Versicherten jedoch. „Da die Ärzte weiterhin mit Impfstoffen beliefert werden, ist das Ausstellen eines Privatrezeptes gar nicht nötig“, so Kniesche. Auch die Honorare wollen die Ersatzkassen anstandslos bezahlen. Die Ersatzkassen warnen ihre Versicherten dennoch davor, bei den Ärzten in Vorleistung zu gehen. „Stellen die Ärzte überhöhte Honorare in Rechnung, können wir die natürlich nicht in voller Höhe erstatten“, so Kniesche. Seine Empfehlung: den Arzt im Zweifelsfalle wechseln. Der VdAK rät den Ärzten, Impflisten zu führen, damit die Patienten nicht zahlen müssen. Das Geld werde den Ärzten dann im Nachhinein erstattet. Laut KV ist dies rechtlich aber gar nicht möglich.

Besonders problematisch an diesem Streit: Die Grippesaison beginnt. Der beste Zeitpunkt für eine Schutzimpfung ist jetzt. Noch am Mittwoch wollte die KV ein neues Angebot vorlegen. Die Ersatzkassen hoffen auf eine Lösung noch in dieser Woche. Man sei bereit, den Ärzten moderat entgegenzukommen.

Auch in anderen Bundeslanändern eskaliert der Streit um die Arzt-Honorare. Nachdem die Verhandlungen zwischen KV und Krankenkasse in Brandenburg gescheitert waren, sind die Ersatzkassen dort dazu übergegangen, Einzelverträge mit einigen kompromissbereiten Ärzten abzuschließen oder die Patienten an den öffentlichen Gesundheitsdienst zu verweisen.

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