Berlin : Pauken nach Punkten

Die Erika-Mann-Grundschule macht vor, wie Lehrer mit Erziehern zusammenarbeiten können

Susanne Vieth-Entus

Der Tisch, das Fenster, die Lampe - wenn ein Kind ohne Deutschkenntnisse in die Kita oder Vorschule kommt, dann muss nicht nur der Grundwortschatz erlernt werden – auch der richtige Artikel gehört dazu. Aber wie schafft man das? „Wir kleben einfach bunte Punkte auf alle Gegenstände: Blau für die, Rot für der und Gelb für das – dann sieht der ganze Raum aus, als sei er voller Konfetti“, sagt Karin Babbe, Leiterin der Weddinger Erika-Mann-Grundschule. Der Trick hilft.

Viele Schulen mit hoher Ausländerrate haben sich in den vergangenen Jahren überlegt, wie sie den Spracherwerb ihrer Kinder schon in der Vorklasse erleichtern können. Aber kaum eine Schule geht dabei so konsequent vor wie die Erika-Mann-Grundschule: Karin Babbe hat die so genannten „Frühstücksgespräche“ ins Leben gerufen, bei denen Lehrerinnen ihrer Schule und Erzieherinnen der umliegenden Kitas seit vier Jahren gemeinsam die Ergebnisse von Sprachstandsmessungen auswerten. Dazu kommen gezielte Fortbildungen zu Themen wie Grammatik oder zu Methoden, wie man überhaupt die Defizite der Kinder diagnostizieren kann.

„Wir haben all die Jahre geglaubt, dass die Kinder einfach so die Sprache lernen. Das war ein Fehler, weil in unserem Umfeld zu wenig deutsche Kinder übrig geblieben waren“, sagt Karin Babbe im Rückblick. Erst die so genannten Bärenstark-Sprachstandsuntersuchungen der vergangenen Jahre machten auch ihr klar, dass es nichts ist mit dem „einfach so lernen“. Deshalb wird jetzt nichts mehr dem Zufall überlassen: Mehrere Erika-Mann-Kolleginnen haben im Auftrag des Schroedel Verlages Material entwickelt, um speziell Kindergartenkindern die deutsche Sprache beizubringen. Es wurden sogar Lieder komponiert, mit denen sich besonders gut grammatische Phänomene einprägen lassen.

Und die Erfolge können sich sehen lassen: In diesem Jahr fiel der Bärenstark-Sprachtest unter den Vorschulkindern der Erika-Mann- Grundschule wesentlich besser aus als 2002: statt 19 erreichten 33 Prozent der 109 Vorklassenkinder die höchste Kompetenzstufe. Und der Vorschulunterricht wird noch weiter verbessert: Psychomotorik, Schwimmen und Sport unterstützen die Kinder bei ihrer körperlichen Entwicklung, was direkt der Auffassungsgabe nutzt. Außerdem kommen regelmäßig Vorleser unterschiedlicher nationaler Herkunft ins Haus, damit die Kinder ihre Muttersprache auch als Hochsprache und nicht nur als „Halbsprache“ kennen lernen.

Warum es so lange gedauert hat, bis Kitas und Grundschulen ins Gespräch kamen - dazu gibt es verschiedene Ansichten. „In den siebziger Jahren gab es ständig Gespräche, dann blockten die Kitas ab“, sagt der Leiter der Humboldthain-Grundschule, Wolfgang Hildmann. Die Kitas dagegen sagen, dass sie aus den Grundschulen zu wenig Feedback bekamen. Damit scheint es nun vorbei zu sein – jedenfalls in Wedding.

Material für den Vorschulunterricht: „Werkstatt Deutsch als Zweitsprache“, Schroedel-Verlag oder „Kreative Sprachförderung“, zu beziehen unter Tel. 6904-1331.

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