Berlin : Paul Rudnick (Geb. 1914)

„Meine liebe Eka, wir werden 100 Jahre alt“

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Allzeit lustig ist gefährlich / Allzeit traurig ist beschwerlich / Allzeit glücklich ist betrüglich / Eins ums andere ist vergnüglich.

Ein Vierzeiler aus dem Rudnick-Repertoire. Davon konnte er hunderte rezitieren, immer passgenau auf das jeweilige Gesprächsthema. Am liebsten Eugen Roth, seltener Kästner, Busch oder Tucholsky. Alles auswendig gelernt in Sibirien. Dort musste er für die Russen Bäume fällen, weil die Deutschen den Krieg verloren hatten. Seine Eka wartete drei Jahre auf ihn. Die treue Eka.

Kennengelernt hatten sich Paul und Erika beim Tanz im Offizierscasino, Königsberg, mitten im Krieg. Eka stellte ihre Ellenbogen aufrecht, zarte, elfenbeinfarbene Ellenbogen, in die sich Paul unversehens verliebte. Erst dachte sie: Der guckt so streng durch sein Monokel, bestimmt ein Studienrat. Das Strenge kam aber vom Glasauge, eine Kriegsverletzung.

Eka lud ihn zum Kaffee zu sich nach Hause, echter Kaffee, er nahm einen Schluck, dann sprach er: „Hmm, gut, der Tee.“ Wie konnte er nur Tee sagen! Eka zog sich enttäuscht zurück. Paul tat es dann leid, aber was sollte er machen? War doch nur ein Scherz.

Paul liebt die Frauen, zeitlebens, er vergöttert sie. Seine Mutter, die beiden kleinen Schwestern Medi und Ilse, Tochter Regina und später Eva und Ellen, seine Gesellschafterinnen im Alter.

Seinen Soldaten im Krieg sagte er: Hände weg von den Frauen! Als er einen Gefreiten erwischte, der ein junges Mädchen vergewaltigte, schoss er ihm in den Kopf. Kann man sich gar nicht vorstellen bei einem Sanftmütigen wie Paul, aber so hat er es erzählt. Nach dem Krieg wird er hören, dass sie alle vergewaltigt haben. Seine Mutter, Eka, Medi, Ilse. Er hat ihnen nicht helfen können. Das lastet schwer auf ihm.

Paul und Eka verloben sich 1941, reisen in die Masuren. Drei Jahre darauf rückt das Beben der Ostfront immer näher. Paul sagt Eka, sie werde fliehen müssen, wie alle anderen auch, weg aus Ostpreußen. Eka möchte ein Kind von ihm, damit sie spürt, dass sie zusammengehören, aber Paul widerspricht. Eine Schwangerschaft in dieser Zeit, das wäre nur eine weitere Bürde für seine geliebte Eka.

Als Königsberg brennt, schickt er sie nach Hause. Einen Rucksack soll sie packen. Mehr nicht. „Nimm nur das Wichtigste mit, Eka!“ Als sie zurück ist, nimmt er ihr den Rucksack ab und stöhnt auf. „Was ist denn da drin? Goldbarren?“ Paul langt hinein, ertastet eine gusseiserne Pfanne und ein Waffeleisen. Eka seufzt. Sie hat ja schon die Corinth-Gemälde zurücklassen müssen. Eka ist verzweifelt. „Wir überleben das nicht“, sagt sie. Paul schaut sie an und lächelt: „Meine liebe Eka, wir werden 100 Jahre alt.“

Für Paul wäre die Vorhersage fast eingetroffen. Er ist ja sportlich, schlank, ein Anhänger des Boxens, Reitens und Radfahrens. Trinkt wenig und raucht nie. Isst Sauerkraut, kauft im Reformhaus, nur gesundes Zeug. Muss nicht so viel ausschweifen wie andere.

Als Junge kümmerte sich Paul um seine kleinen Schwestern. Immer sonntags ging er mit ihnen in den Zoo. Sein bester Kumpel Schulli neckte ihn dafür, aber Paul hatte Medi und Ilse richtig gerne. Als vor Weihnachten das Geld nicht für Geschenke reichte, bastelte er für die Schwestern Puppen mit Köpfen aus Kartoffeln. Leider fingen die Köpfe bald an zu faulen, und die Schwestern heulten entsetzlich.

Ein frühes Foto zeigt Paul mit offenem Jackett, Scheitel und Aktentasche unterm Arm vor dem Strandbad Wannsee. In der Tasche, das ist verbürgt, stecken die Badesachen. Auf seinem Gesicht spiegelt sich der Frühling.

Dort, am Wannsee, passierte ihm auch diese Sache mit dem Führer-Nachwuchs. Eine Frau setzte sich zu ihm und sagte, sie möchte dem Führer ein Kind schenken. Paul überlegte eine Weile. Dann fragte er sich und die Dame: Was will der Führer mit dem Kind? Die Dame war perplex.

Fürs Anbandeln mit Frauen ist Paul ein wenig zu schüchtern. Schulle, sein Freund, hat da mehr Erfolg. Er kann Frauen auf den Po klopfen, und sie quieken dann vor Scham und Vergnügen. Als Paul das mal versucht, bekommt er gleich eine Ohrfeige.

Was er werden will? Natürlich Afrikaforscher. Das liegt für den Buben Paul klar auf der Hand. Später verlegt er sich auf Geschichtsforscher, doch nach der 12. Klasse verlässt Paul das Gymnasium, weil seine Arbeitskraft gebraucht wird. Niemand hat ihm das befohlen, Paul merkt das ganz von alleine. Sind ja fünf Mäuler zu stopfen, neben den Schwestern noch zwei Brüder, Fritz und Julius. Vater hat gesundheitliche Probleme, wegen eines Gasangriffs an der Westfront.

Paul beginnt eine kaufmännische Lehre, bei „Rekord-Gummi“. Die Firma ist von seinen buchhalterischen Fähigkeiten beeindruckt. Aufgrund schneller Auffassungsgabe wird die Lehrzeit verkürzt. Am 1. April 1936 bekommt Paul eine feste Anstellung, kümmert sich um den Bankverkehr und Devisenabrechnungen. Bis er zum Militärdienst eingezogen wird.

Ein Jahr später, der Führer bereitet schon den Krieg vor, erhält „Gefreiter Paul Rudnick in Fürstenwalde“ einen nachdenklich stimmenden Brief aus der Gummifabrik. Es geht um „Manipulationen“ im Devisenverkehr mit der Reichsbank, die er, Paul Rudnick, wegen seines „bekanntermaßen weltberühmt guten Gedächtnisses“ vielleicht klären könne. Er möge sich doch in die „berückende Atmosphäre eines Rohstoffkredites seliger Erinnerung hineinversenken“. Als „Dank im voraus“ wird auf die „bekannte monatliche Zuwendung“ verwiesen.

Paul hat von diesem Brief nie erzählt. Seine Tochter findet ihn im Nachlass. In welche Geschäfte war er da verwickelt? Oder hatte er sich nur den Ruf eines verhinderten Literaten erworben, mit den üblichen Spottversen der lieben Kollegen?

Wie auch immer. Paul will auf Weltreise gehen. Mit dem Rad zum Forschen nach Afrika. Wegen einer irreparablen Radpanne seines Reisepartners geht es bald weiter mit dem Zug. Fast ein Jahr sind sie schon unterwegs, verdienen sich ihr Brot als Landarbeiter und Postkartenmaler und werden schließlich an der griechischen Grenze abgewiesen.

1948 heiratet er Eka, will aber immer noch kein Kind von ihr, weil es in festen Verhältnissen aufwachsen soll, und die muss Paul erst mal begründen. Er übernimmt ein Geschäft für Schreibwaren und Bürobedarf. Eka steht im Laden, Paul besorgt die Ware. Nebenbei repariert er Uhren und lernt zwei polnische Juden kennen, die mit Juwelen handeln und einen Buchhalter suchen, ihn, Paul. Er willigt ein. Bald steht er auch am Juweliertresen und verkauft, denn einem wie ihn, warmherzig und sorgsam, vertrauen die Leute.

Das Leben klart auf, die Zukunft erscheint berechenbar, und Paul gibt nach. Ein Kind darf kommen. Während Eka guter Hoffnung ist, liest Paul „Die Mutter und ihr erstes Kind“, zwei Bände.

Zu dritt nun, mit Klein-Regina, fährt Familie Rudnick in der Isetta dem Urlaubsglück entgegen. Paul hat ein ultramodernes Leichtmetallzelt besorgt und seine Damen ermahnt, nur das Nötigste einzupacken, aber dann presst er doch Taschen, Beutel und Plüschtiere bis in die kleinsten Ritzen.

Eka würde gern ins Hotel gehen. Paul orientiert sich in seinem Reiseverhalten an den Indianern, von denen er jede Menge Bücher gelesen und deren Federschmuck er ethnisch korrekt zuordnen kann. Er hätte sie gerne näher kennengelernt, die Indianer, aber nie wäre er auf die Idee gekommen, dafür die beschwerliche Reise in die USA auf sich zu nehmen. Paul kümmert sich stattdessen um die Mäuse auf dem Rudnick’schen Dauercampingplatz in Steinstücken. Er hat eine gewaltlose Falle entwickelt. Nach erfolgreicher Gefangennahme expediert er die Maus per Rad in ein entferntes Revier.

Paul ist eben ein Gentleman zu Mensch und Tier. Trifft er die Nachbarin, zieht er den Hut. Den älteren Herren, die mit ihm, inzwischen auch älterer Herr, durch den Volkspark Wilmersdorf spazieren, bietet er Pfefferminzbonbons an. Als seine Tochter über den Fernsehbildschirm huscht, als Nackttänzerin im Praunheim-Film „Anita – Tänze des Lasters“, lässt er sich nichts anmerken. Er hätte sie lieber als Senatsbeamtin in der SFB-„Abendschau“ gesehen.

Was bleibt? Die vielen Fotos, ein paar Briefe und vor allem dieser Schuh. Der erste Schuh von Paul, den er trug, als er zwei Jahre alt war. Ein Duplikat aus Silber, mit drahtigem Schuhband, gefertigt in Zürich, als seine Eltern noch wohlhabend lebten, bis sie wegen des Ersten Weltkrieges ausgewiesen wurden. Andere hinterlassen große Fußstapfen, Paul einen kleinen Schuh, der vor Liebe nur so glänzt. Thomas Loy

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