Berlin : Pauschal gegen Stadtflucht

Wolfram Siebeck

im Zwiegespräch mit seinem Haustier An der Art, wie Frau Hoffmann sich die Schnauze leckt, erkenne ich, dass sie aus der Küche kommt.

„Na, haben wir mal wieder für die Ausrottung der Thunfische gesorgt?“, frage ich sie gedankenlos. Ich weiß zwar, dass in der Küche ein Stück Thunfisch liegt, denke aber nicht daran, dass „aussterbende Tierart“ ihr nicht die kleinste Träne entlockt. Sie fühlt sich zu keiner Stunde für das Aussterben von Thunfisch, Wal und Elefant verantwortlich. Außerdem haben wir es versäumt, sie an ihre Mitschuld zu erinnern, wenn wieder einmal eine seltene Vogelart vom Ausflug in den Süden nicht zurückgekehrt ist; zu ihrem erbarmungslosen Feldzug gegen die Mäuse haben wir sie sogar ermutigt.

So verschwindet auch das zufriedene Grinsen nicht von ihrem Gesicht, als sie mir dankbar bestätigt: „Es war beste Sushiqualität. Und à point gegart.“

Soll ich mich nun über die Anerkennung freuen, mit der sie die Küche dieses Hauses bedenkt, oder entsetzt sein über ihre mangelnde Solidarität mit anderen Tieren?

Sie wischt sich die Reste ihrer Vesper aus dem Bart und springt graziös auf die Fensterbank.

Deutlich mehr Anteilnahme zeigt sie bei der Diskussion über die Pendlerpauschale. „Fällt sie weg, fahren die Leute mit Straßenbahn und Fahrrad, und es werden weniger Katzen überfahren,“ erkläre ich ihr. „Bleibt sie jedoch, ziehen die Eltern mit ihren Kindern zu uns aufs Land, wo sie Videospiele beim Bäcker kaufen und Hunde halten können.“

Natürlich ist sie gegen die Pendlerpauschale. Die Vorstellung, dass bei ihrem Weiterbestand auch nur ein zusätzlicher Hund unseren Ort betritt, macht sie wütend. Nicht mal die damit verbundene Aussicht, weniger überfahren zu werden, könnte ihre Stimmung heben.

Ein Verhalten, durch das Katzen beweisen, dass auch bei ihnen die Vernunft schwindet, wenn sich ein Erzfeind am Gartenrand zeigt. Wir sprechen in solchen Fällen von schwierigen Verhandlungen.

„Und welche Partei“, fragt sie mit bereits schläfriger Stimme von der Fensterbank, „will diese Pauschale abschaffen?“

„Eigentlich alle Parteien. Aber sie fürchten den Widerstand der… der Hundebesitzer.“

Damit ist es um ihre Mittagsruhe geschehen. Ihr Pelz sträubt sich auf dem gebuckelten Rücken: „Eine schreckliche Lobby! Die sitzen in allen Ämtern und Ministerien. Sie erschweren uns Katzen das Vögelfangen, während sie ihre Hundlinge von der Leine lassen, damit die sich auf öffentlichen Rasenflächen entleeren können!“

Als ich sie mit beruhigenden Gesten zum Schweigen bringen will, faucht sie weiter: „Du willst wohl, dass ich nicht weiter rede? Weil wir von ihnen abgehört werden, wie? Ist dir nie aufgefallen, dass jeder zweite Polizist, der in ein Haus eindringt, einen Schäferhund bei sich hat? Die sind doch alle Lobbyisten. Mikrofone bringen sie nur an, damit ihre Hunde fremde Wohnungen verstinken können.“

„Also ich würde hier keinen Polizeihund hereinlassen.“

Meine Versicherung beruhigt sie schlagartig. Da sie aber nicht weiß, welchen Eindruck ihre plötzliche Friedfertigkeit auf mich macht, pumpt sie sich noch einmal auf: „Und wer kümmert sich um die Millionen Katzen, die kein so behütetes Haus haben, wo Polizeihunde und ihre Hundeführer die Privatsphäre Tag für Tag gewaltsam missachten? Wo jedes harmlose Miau abgehört und jedes Brekkie umgedreht wird? Diese armen, unterprivilegierten Katzen, die dem Staat zwar die Ratten wegfangen dürfen, dafür aber nicht mit Thunfisch bezahlt werden und deren Ruhestunden nur wenige Minuten lang sein dürfen?“

Beeindruckt von ihrer wortreichen Anklage will ich applaudieren, unterdrücke aber meinen Beifall, weil Frau Hoffmann sich sofort zusammenrollt und einschläft.

Jetzt frage ich mich: Kennt sie solche Plädoyers aus dem Kino, oder ist sie eine wirkliche Agitatorin?

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch mit Katzen aus. Ganz besonders mit Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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