Berlin : Pavillon soll Warten am Reichstag erleichtern

Geplant ist ein Kiosk mit Biergarten und Toiletten – „weltstadtgerecht“. Anfang September will ein Investor mit dem Bau beginnen

Christian van Lessen

Für Gerhard und Liane Kindt aus Frankfurt am Main fiel der geplante Blick aus der Reichstagskuppel gestern Mittag aus. Als sie am Ende der Besucherschlange von einer Stunde Wartezeit hören und weit und breit keine Toilette sehen, die sie während der Wartezeit benutzen könnten, drehten sie enttäuscht ab. Den kleineren WC-Container an der Scheidemannstraße bemerkten sie zu spät.

Das jahrelange Ärgernis um fehlende Örtchen am Reichstag soll nun spätestens im nächsten Mai beendet sein. Der Berliner Geschäftsmann Michael Stiebitz will Anfang September mit dem Bau eines Besucherpavillons beginnen.

Das zwei Millionen Euro teure Bauwerk aus Glas, Metall und Stein soll etwa an Stelle des WC-Containers an der Scheidemannstraße entstehen und außer zahlreichen Toiletten samt Wickelraum einen Bundestags-Laden, einen Kiosk sowie ein Restaurant aufnehmen, zu dem ein Biergarten gehört. Die Senatsbehörde für Stadtentwicklung bestätigte, dass das Bieterverfahren abgeschlossen ist. Noch müssten die Details mit dem Bezirk und dem Bundestag erörtert werden.

„Es gibt zu wenig Toiletten“, hatte Bundestagssprecher Hans Hotter erst vor wenigen Tagen bedauert. Er wies auf die anhaltend hohe Besucherzahl von drei Millionen Menschen jährlich, auf die erwarteten Touristenströme gerade in den Ferien, auf „langwierige Gespräche“ mit Senatsbehörden, das sanitäre Problem am Reichstag zu lösen. Viele Besucher schlagen sich in purer Verzweiflung in die Büsche, WC-Hinweise fehlen oder sind winzig klein versteckt. Die einzige Wall-Toilette in Sichtweite des Pariser Platzes ist überbeansprucht: Gestern Mittag drängten sich beispielsweise drei Japanerinnen gleichzeitig in das Örtchen – bei der Warteschlange davor nur zu verständlich.

Der gut 100 Meter entfernte WC-Container an der Scheidemannstraße ist offenbar zu unscheinbar, um den Massen aufzufallen. Das soll sich an dieser Stelle ändern. Vor einem Jahr hatte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung das „Interessenbekundungsverfahren“ ausgeschrieben, der Bundestag fühlte sich nicht zuständig. Die Bedingung für eine Bewerbung war, dass Kosten für die Planung, den Bau und den Betrieb des Besucherpavillons vom Investor übernommen werden. Erst jetzt wurde das Bieterverfahren entschieden. Zehn Bewerber hatten Entwürfe eingereicht, einige Pavillons waren bis zu drei Stockwerke hoch.

Der nun gewählte Neubau wird nach Auskunft des Investors „weltstadtgerecht“ sein. Um den einstöckigen, unterkellerten Pavillon zu errichten, müsse am Tiergartenrand kein Baum gefällt werden, versicherte Stiebitz. Das Restaurant mit Biergarten soll bis zu 140 Plätze haben. Hauptteil des Gebäudes werde aber der Toilettentrakt sein. Der Kiosk solle mit Souvenirs auch der Berlin-Information dienen. Man wolle den Pavillon möglichst im Mai 2006, auf jeden Fall vor der Fußball-Weltmeisterschaft eröffnen. Der Geschäftsmann ist unter anderem Gesellschafter einer Sportmarketing-Firma und Betreiber des Bundestagsshops. Toilettenfrau Gisela May, die derzeit für den WC-Container an der Scheidemannstraße zuständig ist, weiß, dass ihre Tage im Dienst gezählt sind. Der Vertrag läuft nur bis März. Mehr Toiletten, sagt sie, seien unbedingt nötig. Das Ordnungsamt sollte mehr auf die Leute in den Büschen achten. Viele verdrückten sich, um 50 Cent für den Container zu sparen.

Auch das Ehepaar Kindt kommt hier vorbei. „Ein größeres Angebot an Toiletten, an Information und Gastronomie würde sich hier lohnen.“ Den Blick von der Reichstagskuppel verschieben sie bis zum Berlin-Besuch in einem Jahr. Dann müsste der Pavillon fertig sein.

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