Berlin : Pazifisten in Uniform

Jugendoffiziere der Bundeswehr besuchten das Antikriegsmuseum in Wedding und diskutierten über Gewissensfragen

Thomas Loy

Irgendwann war sich Tommy Spree, der bärtige Leiter des Antikriegsmuseums, gar nicht mehr sicher, ob er tatsächlich Soldaten vor sich hat. Menschen, die das Kriegshandwerk erlernen, stellt man sich anders vor als diese höflichen eloquenten Offiziere von der Bundeswehr in Jeans und Pullover. Florian Mahiny, Reservist und Banker, erklärte sich und seine Kameraden zu „aufgeklärten Pazifisten“. Die Bundeswehr als Teil der Friedensbewegung? Spree staunt und grübelt und möchte dann doch eine Trennlinie ziehen. Im Ernstfall, wenn die Kugeln fliegen, wird sich auch der friedliebende Soldat der Bundeswehr schuldig machen, befürchtet er. Bei Armeen setzt automatisch sein Misstrauen ein.

Seit die Bundeswehr nach Berlin gekommen ist, besucht sie regelmäßig Sprees kleines Antikriegsmuseum in der Brüsseler Straße im Wedding. Diesmal kamen angehende Jugendoffiziere, die in der Akademie der Bundeswehr in Strausberg einen Lehrgang besuchen. „Die gehen nicht auf Auslandseinsätze“, sagt Spree, „die sind viel zu intelligent.“ Jugendoffiziere werden an der Heimatfront gebraucht – sie gehen in Schulen, um für die Bundeswehr zu werben und über Sicherheitspolitik zu diskutieren.

Zur Einstimmung in den Pazifismus zeigt Spree einen kurzen Film über seinen Großvater Ernst Friedrich, der in den 20er Jahren das Vorgänger-Museum gründete. Quälend langsam ziehen darin Bilder entstellter Kriegsveteranen vorüber – ohne Ton. Die jungen Soldaten schauen stumm zu.

Die Diskussion hangelt sich aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts zur Gegenwart. Während Spree von den Weltkriegen bis hin zum Irak-Konflikt Verbindungslinien zeichnet, üben sich die Soldaten im Differenzieren und Distanzieren. Armee sei nicht gleich Armee, Krieg nicht gleich Krieg. Die Bundeswehr sei überhaupt sehr anders, vom Befehlsrecht her gewissermaßen eine „exotische Armee“, bemerkt Jugendoffizier Marco Wiesner. Der deutsche Soldat dürfe, nein, er müsse sogar den Befehl verweigern, wenn dieser gegen die Menschenrechte, das Völkerrecht oder die Verfassung verstoße. Offen blieb jedoch, welche Instanz verbindlich festlegt, ob ein Einsatz illegitim ist. Dennoch lobt Friedensaktivist Spree: „Das macht sie sehr sympathisch.“ Anschließend meldet sich wieder sein Misstrauen: „Garantien gibt es aber nicht. Nicht im Ernstfall.“ Die Weigerung israelischer Piloten, Einsätze gegen palästinensische Siedlungen zu fliegen, erhält von den Soldaten ein klares Lob. „Eine mutige, bewundernswerte Entscheidung“, so Major Kai Samulowitz, der Lehrgangsleiter. Spree staunt wieder. So viel selbstkritisches Hinterfragen in einer Armee? Soviel Spielraum zur Gewissensentscheidung? Ist das nicht der Anfang vom Ende der Armee? Hat der Pazifismus schon gesiegt? Das geht den Soldaten zu weit. Man könne nicht hopplahopp entscheiden, heute mache ich mal mit und morgen bleibe ich zu Hause. Ein Soldat müsse auch Vertrauen haben in die Entscheidungen seiner Vorgesetzten und der Politik. Dann wieder Spree: Nicht allen Regierungen kann man trauen…

Am Ende ist man seinen Positionen verhaftet geblieben und sich trotzdem näher gekommen. Spree, der mal Geschichtslehrer war, argumentiert aus der Vergangenheit. Die Soldaten glauben, dass heute alles anders und vieles besser ist als früher. Auch der Krieg? Was ist überhaupt Krieg? Dieses hässliche Wort ist kaum gefallen.

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