Berlin : PDS: Besuch bei Genossen, die keine Freunde sind

Johannes Metzler

Dunkle Kleidung, Schnauzer, Brille - so sah er also aus, der voraussichtliche PDS-Bürgermeister des künftigen Großbezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Neugierige Kreuzberger Blicke hefteten sich auf den 42-Jährigen aus Friedrichshain, den SPD-Genosse Karl-Heinz Volck mit den Worten "der Hildebrandt vom Scheibenwischer ist er nicht" vorstellte. Ein etwas gequältes Lächeln kam zurück - den Witz hat Dieter Hildebrandt nicht zum ersten Mal gehört.

Er war am Dienstagabend in die Prinzenstraße gekommen, um sich auf Einladung der SPD den Bürgern zu präsentieren. Doch nicht alle mochten ihm sein PDS-Parteibuch verzeihen. "Skandalös", schimpfte ein Mann in der letzten Reihe. Moderator Volck beschwichtigte "den Genossen aus der neunten Abteilung, der mir manchmal Bücher leiht", und bat ihn, doch bitte die guten Regeln der Diskussionskultur einzuhalten. Und den übrigen Gästen empfahl er, "so zu reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen und wie ihnen ums Herz zumute ist". In der Tat bekundeten mehrere Diskutanten "Bauchschmerzen", die vom Kandidaten Hildebrandt herrührten. Denn sein Berliner Dialekt und eine Kindheit in Prenzlauer Berg, "wo damals im Hinterhof noch Schweine und Kühe lebten", konnten nicht über die Mitgliedschaft in der SED-Nachfolgepartei PDS hinwegtäuschen. Und an deren zweifelhafter Vergangenheit hatten die meisten der überwiegend älteren Anwesenden noch lebhafte persönliche Erinnerungen.

Mit der Gemütlichkeit zwischen Plastik-Efeu und Windmühlchen in der Seniorenfreizeitstätte war es darum auch schnell vorbei. Der Kreuzberger Fraktionsvorsitzende Peter Beckers erinnerte zwar daran, "dass jeder Zweite in Friedrichshain PDS gewählt hat" und man an dieser Partei nicht einfach vorbeigehen könne - "überhaupt kein Grund, denen auch noch die Zustimmung zu erteilen", entgegnete ein anderer. Ein Diskutant holte ein Blatt Papier aus einer blauen Stofftasche: Ein Auszug aus seiner Stasi-Akte. Dreißig Monate habe er wegen eines Ausreiseantrags in DDR-Haft gesessen und sei misshandelt worden, sagte er. Dann zeigte er auf Hildebrandt: "Die PDS tut so, als sei nichts passiert."

Die wenigen jüngeren Gäste bekannten sich dagegen wie Fraktionssprecher Beckers zu "mehr Normalität". "Ich will von denen, für die die PDS nicht in Frage kommt, Alternativen hören", rief eine Frau den Kritikern des linken Bündnisses zu. Man könne sich doch nicht "auf Dauer an die CDU fesseln". Und auch Hildebrandt konnte sich nicht verkneifen, Salz in sozialdemokratische Wunden zu streuen: "Wer der Verlierer der Großen Koalition ist, ist ja wohl klar."

Am Ende waren zwar keine Zweifel ausgeräumt, aber die Stürme hatten sich zumindest ein wenig gelegt. Und das nach eigenen Angaben "dienstälteste Parteimitglied" der SPD lud noch zu einer Ausstellung ins ferne Friedrichshain ein: "Ich würde es begrüßen, wenn diejenigen, die bisher noch nicht drüben waren, es jetzt einmal versuchen würden."

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