Berlin : PDS: Die Angst vor kollektivierten Vorgärten

Ingo Bach

Die altersschwache Kongresshalle am Alexanderplatz scheint die perfekte Kulisse für ein Basistreffen der PDS zu bieten. Die Bezirksorganisation Berlin-Mitte hat den Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch eingeladen. Und so, als wollte die Partei auch das letzte Klischee bedienen, sind es vor allem die Genossen jenseits der 65, die sich am Dienstagabend im "Weißen Saal" versammelten, um über die Zukunft Berlins zu debattieren. Eine Zukunft, die, so wie es derzeit aussieht, auch von der PDS bestimmt werden könnte. Und genau das ist auch der Grund, warum die Klischees einfach nicht mehr stimmen wollen: Die Demokratischen Sozialisten sind in Aufbruchstimmung! "Wir sind zwar älter und auch nicht gesünder geworden", sagt einer von der alten Garde. "Aber jeder wird die Kraft, die er noch hat, dafür einsetzen, dass der Einfluss der PDS wächst - auch im Westen." Auch Vera Reuß wird auf die Straße gehen und Stimmen sammeln. Die 67-jährige Genossin freut sich auf "eine spannende Zeit". "Wer hätte das vor einem Jahr für möglich gehalten? Wir haben die Chance auf einen Neubeginn, damit Berlin wirklich Hauptstadt wird."

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Fototour: Die Bilder der Krise Beifall, Gemurmel und Schweigen - schon die Reaktionen auf Bartschs Rede offenbaren viel von der Gefühlslage an der Basis der Berliner Sozialisten. "Die Politik, die in nächster Zeit nötig ist, wird bei den Berlinern keinen Beifall finden." Die Basis schweigt. "Die Verantwortlichen der Bankenkrise müssen materiell zur Verantwortung gezogen werden." Die Basis murmelt Zustimmung. "Die SPD trägt Mitverantwortung für die Misere." Die Basis klatscht Beifall. Natürlich zierten sich die Sozialdemokraten, mit der PDS zusammenzuarbeiten. "Aber es ist doch eine große Veränderung, dass sie es jetzt wagt, laut über eine Koalition nachzudenken. - Freut euch, die Roten kommen." Die Basis tobt, und sie will Gregor Gysi als Regierenden Bürgermeister sehen. "Dass Gregor mit eisernem Besen aufräumen kann, hat er ja schon bei der PDS bewiesen." Bartschs Witz kommt gut an, die Basis lacht.

Die Gegenwehr gegen die angepeilte Wind-Schnittigkeit, sprich Wählbarkeit der PDS, für die kommende Senats-Neuwahl ist erstaunlich schwach. Nur einer nimmt das Wort "Kapitalismus" in den Mund. "Die PDS darf sich nicht von den Werten sozialistischer Politik abwenden", sagt Klaus Kinzig aus Berlin-Mitte. "In der kapitalistischen Wirtschaftsumgebung muss es Tabus geben, wo wir nicht sparen. Zum Beispiel bei der Bekämpfung der Armut und der Arbeitslosigkeit." Doch Kinzing ist nur einer unter vielen. Es ist kein Widerspruch zu hören, als Bartsch gleich darauf auch den kleinsten revolutionären Eifer erstickt. "Wir haben die Vision einer anderen Gesellschaft. Aber wenn wir in den Senat eintreten, dann werden wir das nur in allerkleinsten Schritten angehen können." Auch die PDS werde in der Regierung jeden einzelnen Haushaltsposten genau unter die Lupe nehmen müssen. "Es darf keine Tabus geben."

Vielen Genossen werde eine solche Politik nicht schmecken, vermutet PDS-Mitglied Magda Pischke. "Den Schuldenberg hat ja vor allem West-Berlin aufgeschichtet." Aber man müsse nun mal Realpolitik betreiben. "Nach der Übernahme der Regierungsgewalt gleich Revolution zu machen, das wird nicht gehen", sagt die grauhaarige Genossin.

"Kampf um die Hauptstadt"

Dass der "Kampf um die Hauptstadt" (Bartsch) für die PDS schwer werden könnte, ist den Genossen klar. "Man wird den Leuten Angst vor uns machen", sagt einer. "Man wird ihnen einreden wollen, wenn wir gewinnen, wird ihr Vorgarten kollektiviert."

Nicht erst seit gestern ist klar, wohin die Wahlkampfreise gehen wird. Die Mauerbauer von gestern im Senat, das dürfe nicht sein, wettern die Christdemokraten. Den Genossen der PDS ist klar, dass man ihnen in den nächsten Wochen jedes Mauerstück um die Ohren schlagen wird. Also sucht man einen Ausweg, eine Erklärung. Für den Mauerbau sei die SED gar nicht verantwortlich gewesen, so eine Linie in der PDS, die auch Bartsch teilt. Es sei jedoch ein Fehler gewesen, dass man die Mauer nicht wieder eingerissen habe. Magda Pischke ist der gleichen Meinung: "Die Entscheidung zum Bau der Mauer kam doch aus Moskau", sagt die Genossin. "Ich und viele andere in der SED dachten damals, die Anlage würde nur ganz kurz stehen bleiben." Schließlich habe damals der Kalte Krieg getobt. Ein "antifaschistischer Schutzwall" aber gegen Übergriffe aus dem Westen, wie es die DDR-Propaganda immer wieder trommelte, sei das nun wirklich nicht gewesen: "Man hat die eigenen Leute eingemauert."

Die Genossen nehmen die Ängste ernst. "Natürlich wollen wir Regierungsverantwortung", sagt Vera Reuß. "Aber dazu muss sich West-Berlin erst mit der PDS anfreunden." Man sei nicht mehr die alte SED, nur ganz wenige seien noch dem alten Denken verhaftet. "Jeder Mensch ist lernfähig und auch wir haben uns verändert. Das muss man doch endlich mal begreifen." Und dann weht tatsächlich ein bisschen West-Berliner Zuneigung durch den Saal: Ein aufgeregter Steglitzer berichtet, in seinem Seniorenheim würden zwei Drittel der Bewohner Gregor Gysi zum Regierenden wählen.

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