Berlin : PDS-Parteitag: Gregor Gysi entdeckt sich als Mann für Experimente

Matthias Meisner

Mulmig ist ihm, das fällt auf. Die Umfragewerte für die PDS sinken, und das hat, meint Gregor Gysi, auch mit der Stimmung nach den Anschlägen in den USA zu tun. Die PDS würde nach der jüngsten Umfrage der "Forschungsgruppe Wahlen" auf 15 Prozent kommen. Aber der PDS-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl ist keiner, der schnell kapituliert. Und deshalb gibt er, am Sonntag auf dem Bundesparteitag in Dresden, einen Vorsatz auf: Seine Rede im April 2000 in Münster, als er seinen Rückzug aus der Führung ankündigte, sollte seine letzte auf einem PDS-Bundesparteitag sein.

Nun spricht er doch noch einmal zu den Delegierten seiner Partei - um für die heiße Wahlkampfphase zu motivieren. Die Stimmung für einen Neuanfang in Berlin, die vor dem 11. September schon einmal stärker vorhanden war, soll wieder gestärkt werden. Den Leuten müsse die Angst genommen werden, gerade jetzt. "Wir müssen ihnen wieder die Vorstellung vermitteln, dass ein Neuanfang Spaß macht. Auch mit ein bisschen Experiment, na klar." Schließlich handele es sich um eine wichtige Wahl, "für das ganze Land".

Zum Thema Online Spezial:
Berlin-Wahl 2001
WahlStreet.de:
Die Wahlbörse bei Tagesspiegel Online
Foto-Tour:
Die Berliner Spitzenkandidaten
Video-Streams:
Diskussion mit den Spitzenkandidaten
Erst am Samstagnachmittag war Gysi aus Berlin nach Dresden gekommen, da hatten die Delegierten schon stundenlang fleißig getagt. Schon an diesem Tag steht er auf der Rednerliste, greift dann aber doch nicht in die Debatte ein - er habe doch von den Diskussionen zuvor gar nichts mitbekommen. Aber am Sonntag - auf den Tag genau 52 Jahre nach Gründung der DDR - zeigt der Genosse, dass er noch immer wie kein zweiter einen Parteitag für sich begeistern kann. "Traut den Umfragen nicht", ruft er in den Saal und rät, die verbleibenden zwei Wochen bis zur Wahl nicht zu unterschätzen. Denn eines soll noch einmal klar werden: "Meine Kandidatur ist auch eine Provokation, eine Provokation, die diese Stadt und auch dieses Land nötig hat." Er verspreche sich von einer Regierungsbeteilung der PDS eine "andere politische Kultur", mit dem Wahltag am 21. Oktober könne der "kalte Krieg in Deutschland endgültig beendet sein".

Gysi versichert, wenn er denn gewählt wird, werde er mehr dem Amtseid als der Parteidisziplin verpflichtet sein. "Ich will ja Regierender Bürgermeister einer kapitalistischen Metropole werden", sagt er, und kündigt "harte Einschnitte gerade in der Verwaltung" an. "Aber ich will auch Arbeitsplätze. Und auf dieser Basis kann man sich verständigen." Den Hauptstadt-Gedanken fördern will der Kandidat, ihn zum "Motor" für die Entwicklung der Stadt machen. "Wozu braucht man eine Hauptstadt, das haben sich die Bürgerinnen und Bürger der DDR schon früher gefragt. Westdeutsche fragen das erst recht."

Konsolidierung der Landesfinanzen sei dabei unabdingbar, aber nicht zu Lasten von Sozial- und Umweltprojekten, nicht zu Lasten von Kindern und Jugendlichen. Seine Partei werde zu unkonventionellen Schritten bereit sein, und mancher werde sich noch wundern, wie er in der Lage sei, Investoren zu werben, kleinere und mittlere Unternehmen zu fördern. "Die Stadt ist so pleite, dass man sie jetzt auch uns anvertrauen kann", sagt Gysi - und lässt sich von seiner Basis feiern und genießt, dass ihm auf die Schulter geklopft wird. Ein Regierender Bürgermeister von CDU oder SPD, das wäre, meint er, doch langweilig. Er dagegen stehe für den Charme des Experiments und verspricht einen "ökologisch-sozialen Schub": "Wenn ich Regierender Bürgermeister von Berlin werden sollte, das interessiert von Helsinki bis Washington. Weil es noch so ungewöhnlich ist."

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar