Berlin : PDS: Wenn nicht Regierender, dann aber Kultursenator

Sabine Beikler

Sie gehen verbal aufeinander los, fallen sich ins Wort, ignorieren sich oder versuchen, den anderen mit List und Tücke aufs Glatteis zu führen: Die Berliner Spitzenkandidaten werben bei öffentlichen Auftritten mit aller Macht um die Gunst der Wähler. Hinterher sitzen die Kontrahenten einträchtig zusammen. Man trinkt ein Glas Wein miteinander, und wirft sich kleine Frotzeleien an den Kopf. Da bietet zum Beispiel ein Klaus Wowereit einem Gregor Gysi nicht den Posten des Kultursenators an - "allerhöchstens werden Sie bei mir Senator für Frauen." Die Runde gackert, und Gysi knurrt grinsend zurück: "Und bei mir werden Sie nicht Kultursenator."

Klare Koalitionsaussagen sind zum jetzigen Zeitpunkt völlig tabu. Parteiintern, auch bei der PDS, überlegt man aber jetzt schon, wer im Koalitionsfall für einen Senatorenposten zur Verfügung stünde. Eines steht bei den Sozialisten aber schon fest: PDS-Spitzenkandidat Gysi will Regierender Bürgermeister werden. Und wird er es nicht, dann will er Senator werden. Am liebsten Kultursenator. Und wenn nicht die Kultur, dann gäbe es ja noch das Wirtschaftsressort. Das "heiße Eisen", das konfliktreiche Bildungsressort, will dagegen freiwillig kaum jemand anfassen. Carola Freundl, die PDS-Fraktionschefin, ist eine Ausnahme.

Freundl beschäftigt sich seit Jahren mit Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Durch die Auseinandersetzung mit Erwachsenenbildung hat sie sich zunehmend in den Schulbereich eingearbeitet. Ein Senatorenamt - Arbeit, Soziales, Frauen oder Bildung - würde die 38-Jährige nicht grundsätzlich ablehnen. Nur: Sollte Harald Wolf, ihr Partner in der Fraktionsdoppelspitze, und angesehener Haushaltsexperte als Finanzsenator in die Regierung wechseln, würde Carola Freundl lieber als erfahrene Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus bleiben. Auch Harald Wolf reißt sich nicht um einen Senatorenamt, weiß aber, dass er bei einer PDS-Regierungsbeteiligung nach Gysi der sicherste PDS-Anwärter auf einen solchen Posten wäre.

Beim Parteigenossen Thomas Flierl dagegen schlagen gleich zwei Herzen in seiner Brust: die Kultur und die Stadtentwicklung. Der 44-Jährige ist promovierter Kulturhistoriker, leitete von 1990 bis 1996 das Kulturamt in Prenzlauer Berg und war während seiner Zeit als Parlamentarier 1995 bis 1998 kulturpolitischer Sprecher der PDS-Fraktion. Und als Baustadtrat im früheren Bezirk Mitte arbeitete Flierl von 1998 bis 2000. Dieses Amt musste Flierl nach der Bezirksfusion abgeben: Heute ist der Politiker im PDS-Bundesvorstand mit zuständig für die Programmkommission und organisiert zudem Kulturprojekte für die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Für Thomas Flierl ist beides interessant: ein erneuter Einzug ins Abgeordnetenhaus oder ein Senatorenposten, der aber nicht sehr wahrscheinlich ist. Erstens will Gysi, und zweitens macht der amtierende Stadtentwicklungs-, Bau- und Verkehrssenator Peter Strieder (SPD) überhaupt keine Anzeichen, sein Mega-Ressort freiwillig aufzugeben.

Als weitere PDS-Anwärterinnen für ein Senatorenamt werden Bärbel Grygier, die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, und die Parlamentarierin Gesine Lötzsch gehandelt. Grygier gilt als hervorragende Kommunalpolitikerin: Die ehemalige Gesundheitsstadträtin von Hohenschönhausen wird in Parteikreisen als mögliche Schöttler-Nachfolgerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit genannt. Gesine Lötzsch, Vorsitzende des Ausschusses für Europa- und Bundesangelegenheiten und Bezirksvorsitzende der PDS Lichtenberg-Hohenschönhausen, hat dagegen wenig Ambitionen, in den Senat zu wechseln. Die 40-Jährige kandidiert wieder fürs Abgeordnetenhaus, überlegt allerdings, ob sie 2002 nicht den Sprung von der Landes- in die Bundespolitik wagen will.

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