Berlin : Pendelverkehr zum Königsbankett

Auch Daniel Barenboim kam zum festlichen Abendessen des Bundespräsidenten für Abdullah II. und Rania von Jordanien ins Schloss Bellevue

Elisabeth Binder

Die Auffahrt zum Schloss Bellevue säumen Fackelträger, das Musikcorps spielt gegen die Feuchtigkeit an. Schon bevor König Abdullah II. und Königin Rania von Jordanien mit einer langen schwarzen Stretchlimousine am äußersten Rand des roten Teppichs am Fuß der Schlosstreppe vorfahren, sprechen die Gäste des abendlichen Staatsbanketts über die klare Sprache und den britischen Akzent des Königs, die glutäugige Schönheit der 32-jährigen Königin, die so routiniert über soziale Fragen sprechen kann, und über den Charme der zweijährigen Tochter Salma. Beim großen Dinner ist die kleine Prinzessin aber nicht dabei. Unter den 125 Gästen sind die Altbundespräsidenten Walter Scheel und Roman Herzog, Prinz Ali, ein Bruder des Königs, sein Leibarzt, die Botschafter Ägyptens und des Jemens, der Doyen des Diplomatischen Corps, Erzbischof Lajolo, Top-Manager wie TUI-Chef Michael Frenzel und Dillinger-Stahlbau-Chef Michael E. Eikmeier, dessen Frau eigens aus Kairo angeflogen kam. Auch Daniel Barenboim ist dabei und verkörpert die subtile Art, mit der bei hoch repräsentativen Anlässen Politik gemacht wird. Bundespräsident Johannes Rau wusste, dass es ein lang gehegter Wunsch des jordanischen Königs war, den Künstler, der sich für israelisch-palästinensische Beziehungen engagiert, einmal persönlich kennen zu lernen. Beziehungen zwischen Menschen ziehen sich wie ein roter Faden auch durch die Tischreden. Der Bundespräsident erwähnt, dass sich die Dynastie der Haschemiten bis auf den Urgroßvater des Propheten Mohammed zurückführt, geht auf die besondere Verantwortung der Deutschen gegenüber dem Staat Israel ein und redet den König schließlich direkt an: „Sie, Majestät, sind Soldat, aber Sie sind ein Soldat, der kein höheres Ziel kennt, als Krieg zu verhindern und Frieden zu schaffen.“ Der König antwortet in seinem exquisiten Englisch (seine Mutter war die zweite Frau von König Hussein und eine britische Offizierstochter), dass sowohl die eindringlichen Gebete der palästinensischen Mütter um Gerechtigkeit gehört, wie die Hoffnungen der israelischen Kinder auf eine geborgene und sichere Zukunft respektiert werden müssten.

Dann lädt er den Bundespräsidenten ein, den Besuch zu erwidern. Für Protokollchef Busso von Alvensleben, der sich vorhin noch mit dem Lobbyisten der Katholischen Kirche, Prälat Karl Justen, über die Feinheiten vatikanischer Diplomatie unterhielt, bedeutet das Vorausreisen mit detaillierten Absprachen. Im Falle Jordaniens kein Problem, aber in seinem feinen Lächeln trägt er den Kategorischen Imperativ, nach dem er schwierige Erfahrungen anderswo zugunsten der Möglichkeiten deutscher Gastfreundschaft verwertet. Die hohen atmosphärischen Noten sind in ein altes Zeremoniell gebettet. Beim Defilée der Gäste wird jeder Name laut verlesen. Keine Routineaufgabe, nicht nur wegen schwieriger Namen aus der Delegation der Staatsgäste. Aus Kerstin Müller etwa, die sie noch am Morgen war, ist im Laufe des Tages eine Frau Staatsministerin geworden.

Der König hat einen festen Händedruck, die Königin strahlt in einem schwarzen, langen Samtkleid mit Schleppe und Stehkragen. Auch das flaschengrüne langärmelige Spitzenkleid, von Christina Rau wird viel bewundert, weil es nicht nur gut aussieht, sondern so perfekt zu diesem Anlass passt. Neben der Königin darf an diesem Abend Klaus Wowereit Platz nehmen. Für die muslimischen Gäste gibt’s Traubensaft statt Würzburger Stein zu Törtchen von der Brandenburger Landente und Zanderfilet in Apfel-Honigvinaigrette. Wolfgang Nagler ist als Koch auf den Menükarten namentlich verzeichnet, was daran liegen könnte, dass der Chef des Bundespräsidialamtes, Rüdiger Frohn, ein bekennender Gourmet ist, immer bemüht, die engen Grenzen, die das Staatsprotokoll der Speisenauswahl setzt (einfach zu essen und möglichst so gekocht, dass jeder es mag), dergestalt auszuweiten, dass die innovativen Aspekte der deutschen Cuisine auch mal an höchster Stelle zur Schau gestellt werden.

Beim Kaffee, der nach dem Essen im Stehen eingenommen wird, tauscht sich die Gesellschaft in neuen Runden aus. In einem Interview wurde der König gefragt, aus welchen klugen politischen Gründen er seine palästinensische Frau geheiratet habe, woraufhin er trocken geantwortet hat „weil ich sie liebe“. Das war eine Antwort ganz nach dem Herzen des Bundespräsidenten, der anderen Gästen davon erzählt, bevor er mit Frau Christina am Rande des roten Teppichs die Staatsgäste verabschiedet. Als sich das Limousinenknäuel langsam zu einer formidablen Kolonne streckt, stehen sie da winkend und ganz kurz Händchen haltend. Minimale Freiräume sieht das Staatsballett also vor, ansonsten ist alles bis ins Kleinste ausgetüftelt.

Die anderen Gäste werden von der Sicherheitsschranke für Taxis zum Schlosseingang und zurück ebenfalls in schwarzen Limousinen chauffiert. Ein Anlick für Ästheten und zudem eine höchst demokratische Auslegung des pittoresken Pomps, der mit Staatsbesuchen üblicherweise einhergeht.

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