Pension in Berlin-Kreuzberg : Check in bei Rainer Werner Fassbinder

Frank Schoppmeier fand, dass zu wenig an Rainer Werner Fassbinder, den großen Regisseur erinnert wird. Deshalb widmete er ihm seine kleine "Pension Berlin". Er bietet den Gästen etliche Details - und auf Wunsch einen Schnellkurs in Filmgeschichte.

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Der Meister guckt zu. Frank Schoppmeier sammelt Rainer-Werner-Fassbinder-Devotionalien in seiner Pension. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Der Meister guckt zu. Frank Schoppmeier sammelt Rainer-Werner-Fassbinder-Devotionalien in seiner Pension.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Man kann gar nicht anders, als neugierig zu werden. Passiert man in der Kreuzberger Schönleinstraße 33 dieses Lädchen, so stellen sich einem die ersten Fragen, wenn man die schlichte, rote Fahne an der Fassade sieht. Dann erkennt man die Silhouette Rainer Werner Fassbinders in einem Fenster; im nächsten das Cover einer „Berlin Alexanderplatz“-LP - und mit einem Blick in den Laden einen Filmprojektor, umgeben von Plakaten, Fassbinder-Bildern und Requisiten.

Ist dies ein kleines Museum zu Ehren des deutschen Filmemachers, das den Kulturführern dieser Stadt bisher entgangen ist? Ein Kino nur für das Münchener Regie-Genie, das in diesen Tagen seinen siebzigsten Geburtstag begehen würde? Oder wohnt hier einfach ein Mensch mit einer Fassbinder-Obsession?

Fast jeder Zentimeter ist dem Filmemacher gewidmet

Frank Schoppmeier kann all diese Fragen klären. Er sitzt inmitten des Raumes, der sich hinter diesen Fenstern verbirgt. Und in dem noch mehr Fassbinder zutage tritt. Neben der Tür eine kleine Fassbinder-Bibliothek, hinter dem Tresen, über dem „Anmeldung“ steht, Autogrammkarten von den Schauspielerinnen Ingrid Caven und Hanna Schygulla sowie vom Meister selbst. An der Wand hängt eine Jeansjacke, die man aus dem Film „Faustrecht der Freiheit“ kennt, in dem Rainer Werner Fassbinder eine solche trug.

„Als wir die Pension vor vier Jahren gegründet haben, sah es hier noch nicht so aus“, sagt Schoppmeier. Aha. Eine Pension. Und der Fassbinder? „Ich war eigentlich schon immer Fan von ihm“, sagt der 48-Jährige, „in der Pension hat sich Fassbinder aber erst langsam ausgebreitet: Am Anfang gab es ein Zimmer, dessen Wände ich mit Bildern aus ‚Berlin Alexanderplatz‘ dekorierte. Dann kam immer mehr dazu.“ Schoppmeier, der einen kaufmännischen Beruf erlernt hat und aus Düsseldorf stammt, überlegte sich, die ganze "Pension Berlin" Fassbinder zu widmen. Er fing an zu sammeln: Ebay, Flohmärkte – und Nachbarschaftshilfe. „Die Leute hier aus dem Graefekiez brachten Poster oder Bilder vorbei“, sagt er. So ist nun fast jeder Zentimeter in der knapp 60 Quadratmeter großen Pension, die über ein Einzel- und ein Doppelzimmer verfügt, dem Filmemacher gewidmet.

Junge Leute können mit Fassbinder oft nichts mehr anfangen

Bei Schoppmeier kam es, wie es so oft in Berlin kommt: Nichts war geplant, alles ergab sich. Dass der seit 1998 an der Spree lebende Schoppmeier überhaupt eine Pension eröffnete, war eigentlich Zufall. „Ich sah diesen damals völlig runter gerockten Laden, und der war günstig zu haben“, sagt er. Erst danach habe er sich gefragt, was man daraus machen könnte. Die Antwort war: Gästezimmer für Reisende. Inzwischen müssen diese den Filmtick des Inhabers visuell erdulden. „Mir ist irgendwann aufgefallen, dass junge Leute oft gar nichts mehr mit dem Namen Fassbinder anfangen können“, so Schoppmeier, „das fand ich schade“. Für ihn gehörten dessen Filme eigentlich in den Schulunterricht: „Vielleicht ist dies aber politisch immer noch nicht gewollt - dabei gibt es doch keinen, der die BRD-Geschichte so gut abgebildet hat wie er. Ich finde es bis heute faszinierend, wie er politischen Anspruch und Unterhaltung verbunden hat.“

"Sowas gibt's auch nur in Berlin"

Obwohl Fassbinder die meiste Zeit seines Lebens in und bei München lebte, passe ein solcher Ort gut nach Berlin, findet Schoppmeier: „Er hat ja auch viel in Berlin gedreht, zum Beispiel ist ‚Querelle‘ ja hier entstanden“, sagt er. Außerdem sei für ihn die Verfilmung von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ ein Meilenstein in der deutschen Fernsehgeschichte. Schließlich füge sich seine Pension einfach gut ins Bild der Hauptstadt – manche seiner Gäste hätten gesagt: „So was gibt's auch nur in Berlin.“

Neben den beiden Gästezimmern gibt es zur Straße raus noch einen weiteren Raum mit Hochbett, den Schoppmeier, der früher in einer Mitwohnzentrale gearbeitet hat, derzeit aber nicht vermietet: „Das ist zu laut, nebenan ist eine 24-Stunden-Kneipe.“ Das Hochbett ist umgeben von Filmfotos; neben der Treppe, über die man es erreicht, prangt ein großer Schriftzug an der Wand: „Warum läuft Herr R. Amok?“

Auf der anderen Seite findet man einen weiteren Slogan, den man sogar programmatisch lesen kann: „Planet Fassbinder“. Dieser hier im östlichen Kreuzberg ist liebevoll gestaltet bis ins kleinste Detail: Man sieht ein Storyboard von Fassbinder an der einen Wand, an der anderen Kopien der Zeichnungen Jürgen Draegers am Set von „Querelle“ – und im Empfangszimmer nebenan erblickt man versteckt ein Foto seines Grabsteins.

Wenn Sie wollen, bekommen die Gäste einen Fassbinder-Schnellkurs

Der Sammler selbst hat dabei ein Lieblingsstück, das eher unspektakulär ist: Ein großes, gerahmtes Foto des Regisseurs gemeinsam mit dessen früherer Frau Ingrid Caven. Fragt man Schoppmeier, warum es ausgerechnet dieses Foto ist, kommt er schnell zum Streit um die Nachlassverwaltung, in dessen Zentrum die Kritik Cavens an der Fassbinder Foundation steht. Denn Schoppmeier ist natürlich Fassbinder-Experte. Ob die Gäste einen Schnellkurs bekämen? „Nur, wenn sie es wollen.“

Größere Pläne hat der Pensionsbetreiber vorerst nicht. „Ich weiß gar nicht, in welche Richtung es mit der Pension gehen soll“, sagt er. Andererseits wäre der Gedanke, ein kleines Fassbinder-Kino zu betreiben, schon verlockend. Mit einem Blick auf die im Raum hängende Jeansjacke klärt er den Besucher beiläufig auf, dass es sich nicht um ein Original handelt: „Die habe ich selbst dem Original entsprechend gestaltet.“

Neulich kam Hanna Schygulla vorbei

Draußen weht derweil die rote Fahne – eine solche schmückte einst das Haus der von Fassbinder mitgegründeten antiteater-Kommune im bayerischen Feldkirchen. Vor wenigen Wochen spazierte auch Hanna Schygulla, Schauspielerin in zahlreichen Fassbinder-Filmen, zum ersten Mal hinein. Schoppmeier sprach mit ihr darüber, dass an den Regisseur zu wenig erinnert werde. Sie habe gesagt: „…ja, ist schon weg…“ Dieser Satz sei ihm immer wieder durch den Kopf gegangen. Er selbst sorgt derweil dafür, dass Fassbinder in Zukunft etwas weniger weg ist.

Im Kino Arsenal am Potsdamer Platz läuft bis zum 17. August eine Fassbinder-Retrospektive. Gezeigt werden elf Filme in der Reihenfolge ihres Entstehens.

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