People Berlin, ein soziales Modeprojekt, präsentiert sich : Pop-up-Store mit Mode von Straßenkindern

Bei People Berlin arbeiten junge Leute, die auf der Straße leben, im Team mit Designerinnen. Ein Pop-up-Store in der hippen Torstraße in Mitte präsentiert jetzt ihre Mode.

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Der Spießerrock ist aus gewachster Baumwolle.
Der Spießerrock ist aus gewachster Baumwolle.Foto: Sebastian Mayer

Heimat ging gar nicht, das wurde schnell klar. Viel zu negativ besetzt. Heimat hab’ ich nicht, haben die einen gesagt, und die anderen: Heimat will ich nicht. Stattdessen haben sie sich eine Insel erträumt, auf der sie leben wollen. Eine Insel, auf der jene Gesetze und Regeln nicht gelten, mit denen sie ohnehin nicht klarkommen. Auf der alles anders ist und auf der „Schnee im Sommer“ fallen könnte.

Und darum heißt so auch die neue People-Berlin-Edition: „Schnee im Sommer“. Edelklamotten – entworfen von Straßenkindern. Ein Sozialprojekt einerseits, aber keins, das Mitgefühl einwirbt für die Schicksale der Jugendlichen, sondern eins, das sich über Ästhetik und Wertigkeit definiert und Anerkennung möchte für die professionellen Produkte, die sie entworfen haben. Diesen Anspruch machen sie selbstbewusst deutlich, wenn sie ab Samstag in der Torstraße in Mitte, Berlins Mode-Mekka-Bezirk Nummer 1, einen Pop-up-Store mit ihren Designs eröffnen.

Die Nähmaschine surrt leise und bahnt einem Faden seinen Weg durch dunklen Stoff. Der Lichtenberger Souterrainraum des Modeprojekts ist hell, lang, schmal. Und voll. Dicht behängte Kleiderstangen an den Seiten, quer stehende Tische mit Nähmaschinen, ein großer Tisch mit Schnittmustern, Regale mit Kleidung, mit Stoffen, mit allem, was Modemacher brauchen.

„Wo ist die Füllwatte“, fragt Jenny, ein Teenager mit gefärbten Haaren und Piercings im Gesicht, und sieht sich suchend um. Die braucht sie für den Rock, den sie entworfen hat. Über knielang und unten rundum mit wattegefüllten Noppen versehen. Das sei praktisch, sagt Jenny. Für ältere Leute. Wenn die mal hinfallen. Sie grinst ein bisschen verlegen.

Die People-Gründerinnen waren in der Modeindustrie nicht glücklich

Jenny ist eine von rund 30 Jugendlichen, die kein richtiges Zuhause haben, aber bei People Berlin eine Art Anlaufstelle gefunden haben. Mit Näherei hatte sie noch nie etwas zu tun, aber das hier macht Spaß. Außer dem Noppenrock hat sie noch einen extravaganten Hosenrock entworfen, der dunkelblau und edel auf einem Bügel hängt und auf letzte Handgriffe von den Praktikantinnen wartet, die meist Modestudentinnen sind. Sie collagiere ihre Ideen, sagt Jenny. Zeichnen? Nee! Eher nicht. Auch Eva Sichelstich collagiert lieber, schneidet Stoffe und legt sie zusammen wie ein Kleiderpuzzle. So sehe sie besser, ob es passe und gut aussehe.

Sichelstich und Ayleen Meissner haben People Berlin im Januar 2015 ins Leben gerufen. Die beiden Frauen sind Modedesignerinnen, die in der Modeindustrie nicht glücklich waren und so aufs Soziale kamen. Cross-Over nennen sie ihr Projekt, das eine Brücke schlägt zwischen Straßenkindern und Jugendlichen ohne richtiges Zuhause, mit Suchtproblemen oder psychischen Störungen – und hochwertiger professioneller Mode. Der Projektraum befindet sich auf dem Gelände des Jugendhilfevereins Karuna, von dem sie finanziert werden wie auch von der VW-Mitarbeiterstiftung.

"Kommerziell wäre ja langweilig", sagt die Desginerin

119 Jugendliche seien im ersten Jahr zu ihnen gekommen, etwa 30 regelmäßig, was keine schlechte Quote ist, denn alles Verbindliche ist der Klientel eher fremd und wirkt abschreckend. Vielleicht, überlegen sie, war es der Reiz der Mode selbst, die zu der Projekttreue führte. Mode sei zwar äußerst elitär, aber zugleich eben auch völlig grenzenlos, Mode ist alles von High Fashion bis Punk. Und irgendwo dazwischen findet sich auch das „People Design“: Hosen mit frei liegenden Knien. Ein „Spießerrock“ aus gewachster Baumwolle, der von lauter Fetzen umspielt wird, die sich als Schnittmusterteile entpuppen. Ein kunterbuntes Showpiece ist aus selbst gewebtem Stoff. Wildes Zeug zu Mitte-Preisen um und ab 100 Euro, das Geld fließt ins Projekt, und: „Kommerziell wäre ja langweilig“, sagt die Designerin. Und würde auch nicht zu den Jugendlichen passen, um die es ja schließlich geht.

Darum wird der Pop-up-Store eröffnet mit einem „Meet The People“, einer Gelegenheit, die jungen Leute kennenzulernen und zu ihren Designs zu befragen. Sichelstich greift zu einem Hut: Vielleicht hierzu? Wollfilz, blau. Vorn mit breiter Krempe, von hinten im Basecapstil. Die Kombination aus Klassischem und Streetstyle gefällt ihr. Sie zieht ihn an. „Gut, oder?“

Mantel mit Loch im Arm - aber trotzdem ein hochwertiger Artikel. Das ist Mode von People Design.
Mantel mit Loch im Arm - aber trotzdem ein hochwertiger Artikel. Das ist Mode von People Design.Foto: Sebastian Mayer

Marcel, ein quirliger junger Mann, kommt durch den Raum getänzelt. Er macht bei der diesjährigen Edition nicht mehr mit. Durch People Design hat er den Weg zurück auf die Schulbank gefunden, inzwischen den Mittleren Schulabschluss geschafft und bald soll eine Lehre losgehen. Aber seine Fantasie und seine vielen Ideen sind immer noch willkommen. Marcel war im vergangenen Jahr dabei, als People Design die erste Edition präsentiert hat. Auch in Mitte. Das sei als Clash of Culture Absicht. Nicht nur die Mitte-Leute sollen Neues kennenlernen und Vorurteile überwinden, auch die Straßenkinder sollen merken, dass ihre platten Vorstellungen von dem In-Bezirk nicht unbedingt stimmen müssen und dass nicht jeder, der Geld hat und einen Beruf, gleich ein desinteressierter Langweiler ist. Marcel jedenfalls hat einer Architektin ein Kleid verkauft, das er designt hat, und sie sind darüber ins Gespräch gekommen. Er grinst ein bisschen stolz, als er darauf angesprochen wird. Und vielleicht hat ja auch die Architektin das Gespräch noch als etwas Besonderes in Erinnerung.

- Pop-up-Store vom 29.8. bis 10.9., Torstraße 161, Mitte, 12 bis 20 Uhr, keine Kartenzahlung. Eröffnung Samstag, 27. August, 18 bis 21 Uhr mit einem „Meet the People“. Mehr Infos unter www.peopledesign.de

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