Berlin : Per Handy durch die Galaxis

Das Zeiss-Planetarium in Prenzlauer Berg muss dringend modernisiert werden. Das übernimmt der neue Chef – der ist erst 31 Jahre alt und hat viele Ideen.

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Frischer Blick. Der 31-jährige Tim Florian Horn leitet das Planetarium seit Juni.
Frischer Blick. Der 31-jährige Tim Florian Horn leitet das Planetarium seit Juni.

Im Technikraum des Zeiss-Großplanetariums in Prenzlauer Berg steht Tim Florian Horn und zückt sein Smartphone. Hinter ihm eine Wand voller alter Computersteckkarten, die den 26 Jahre alten Sternen-Projektor des Planetariums kontrollieren. Links an der Seite liegen auf vergilbtem Papier in mehreren Ordnern der Firma Zeiss die komplizierten Schaltpläne dafür. Das Planetarium soll zugänglicher und offener werden, meint der 31-jährige Horn, der hier im Juni die Leitung übernommen hat. In Zukunft, sagt Horn, soll jeder Schüler, der das alte DDR-Vorzeigeplanetarium besucht, mit dem eigenen Handy durch das Weltall navigieren können.

Das Planetarium war eine Institution, sagt Horn. Die benachbarte Grundschule ist danach benannt. Auch 26 Jahre nach der Eröffnung gehört es mit seiner Außenkuppel von 20 Meter Durchmesser zu den größten in Deutschland. Doch von der technischen Ausstattung und auch vom Programm hinkt es mittlerweile anderen Planetarien hinterher. Anfang des nächsten Jahres wird das Planetarium für eine etwa einjährige Umbauphase geschlossen. Horn will nicht nur die Projektionstechnik auf den neuesten Stand bringen und den Kuppelsaal mit 360-Grad-Videotechnik ausstatten, sondern die Institution insgesamt öffnen.

Das Programm soll ein breiteres Spektrum an naturwissenschaftlichen Themen abdecken, denn auch die Astronomie ist interdisziplinär. Geologie, Biologie, Chemie und Physik gehören selbstverständlich dazu. Mit dem dreidimensionalen, visuellen Eindruck im Kuppelsaal könne man zum Beispiel auch durch menschliche Venen fahren oder durch Regenwälder fliegen. Auch als kulturellen Ort will Horn das Planetarium etablieren. Ein zusätzlicher Kinosaal mit 160 Sitzen werde derzeit kaum genutzt. Eine Kooperation mit Berliner VJs, die im Planetariumsaal diesen Freitag ihr Set projizieren werden, gibt einen ersten Vorgeschmack. Auch eine Date-Night unterm Sternenhimmel kann Horn sich vorstellen. Im Planetarium am Insulaner kann man bereits unter Sternenhimmel Hörspiele oder eine Show über Pink Floyd sehen. Ein Planetarium sei immerhin auch eine schöne Location, sagt er, und nicht nur ein Ort für Hobbyastronomen. Doch er beruhigt gleich: „Die Sterne bleiben das Wichtigste.“

Doch auch dafür brauche es neue Technik: Mehrere Terabyte an neuen wissenschaftlichen Daten über das Weltall kämen jeden Tag hinzu. Das Zeiss-Großplanetarium soll stärker vernetzt werden und dadurch aktuelle Projekte der Raumfahrt besser begleiten. Auch mit jungen Berliner Wissenschaftlern will Horn stärker kooperieren. So will er etwa den Start der Raumsonde Gaia, die neue Daten über die genaue Position unserer benachbarten Sterne liefern soll, auch im Planetarium aufgreifen. Wo sind wir im Universum? Diese Frage zu beantworten und das Publikum in Raum und Zeit zu verorten, bleibe die Hauptaufgabe eines Planetariums.

Für Horn selbst wurde das Planetarium in seiner Heimatstadt Kiel schon früh ein Bezugspunkt im Leben. Er erinnert sich noch gut an seinen ersten Vortrag über die Neptun-Monde als Zwölfjähriger. „Triton, Nereid, Naiad, Thalassa ...“, beginnt er die Monde aufzuzählen. Mit Freunden sah er dort die „Star Wars“-Parodie „Spaceballs“. Bei der Studienwahl entschied sich Horn für Multimedia-Produktion und begleitete die Planetarien in Kiel und in Hamburg bei der technischen Umstellung. Vor dem Umzug nach Berlin konzipierte er für das Planetarium in San Francisco naturwissenschaftliche Shows. Für die Kinder, die dort ohne Winterfrost aufwachsen, produzierte er zum Beispiel einen Film über Schnee, der in zwei aufblasbaren Planetarien gezeigt wurde. Sein Fernstudium Astronomie an der Universität von Melbourne hat wegen der neuen Leitungsfunktion für ein Semester Pause.

Der Sorgen, die manche treue Planetariumsbesucher mit einer Modernisierung verbinden, ist sich Horn bewusst. Der Charme des Zeiss-Großplanetariums solle auch nach dem Umbau erhalten bleiben. Auch der alte, blaue Zeiss-Projektor „Cosmorama“ bleibe auf jeden Fall an dem Standort. „Den geben wir nicht her“, sagt Horn. Das Licht für die Sterne wird auch nach der Renovierung von einem analogen Projektor kommen. So strahlend könnten digitale Beamer gar nicht projizieren. Ob die neuen Geräte von der Firma Zeiss sein werden, entscheidet erst eine Ausschreibung.

Im Rahmen des Festivals „Berlin leuchtet“ gibt es am heutigen Freitag eine 360-Grad-Videoprojektion im Kuppelsaal mit VJ Jaime Ramirez. Vorführungen um 20, 21 und 22 Uhr, Eintritt 7 €. Zeiss-Großplanetarium, Prenzlauer Allee 80, Prenzlauer Berg, Infos unter 421840 oder www.sdtb.de. Wilhelm-Foerster-Sternwarte e.V. mit Planetarium am Insulaner, Munsterdamm 90, Schöneberg, Infos unter 7900930 und www.planetarium-berlin.de.

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