Berlin : Performance im Adlon: Gegen die inneren Ungeheuer

Bernd Matthies

Rama ist eine ziemlich wichtige Persönlichkeit. Erfunden in Indien vor ungefähr 2000 Jahren, wanderte die Geschichte dieses weisen Herrschers mit dem Hinduismus quer durch Ostasien und verbreitete sich dort, mal in strikt religiösem Kontext, mal als säkularisiertes Volksmärchen. Heute ist das Ramayana elementarer Bestandteil aller Kulturen des fernen Ostens und verbindet so unterschiedliche Länder wie die Philippinen, Kambodscha und Singapur. Zehn dieser Länder gehören zum ASEAN-Staatenbund, und die Bühnenfassung des Ramayana ist das ehrgeizigste Projekt der Öffentlichkeitsarbeit dieses Bundes, zu ehrgeizig für den kleinen Rahmen, den das Hotel Adlon der prächtigen Schau am Dienstagabend bot.

"Realising Rama" ist der Name dieser Produktion der philippinischen Choreographin Denisa Reyes, an der Künstler aus neun ASEAN-Ländern beteiligt sind. Nur auf den ersten Blick eine Folklore-Show, in Wirklichkeit viel mehr: eine zeitgenössische Performance. Tänzerische Darstellungen auf hohem Niveau, moderne Musik auf traditionellen Instrumenten, mal meditativ kreisend, mal schrill durchdringend in dissonanten Vierteltönen, berückend schöne Kostüme, ruhige Lichtstimmungen, Projektionen, einfacher, aber wirkungsvoller Bühnenaufbau. Rama, der werdende Herrscher, muss eine Reihe von Prüfungen bestehen, muss mit Ungeheuern kämpfen, die seine inneren Widersprüche symbolisieren, muss versuchen, Verstand und Gefühl in Balance zu bringen. Am Wege lauern die Verführungen von Reichtum, Wollust und Macht, doch am Ende darf Rama Platz nehmen auf seinem Thron, als selbstloser, weiser und mitfühlender Herrscher.

Konzipiert war die Berliner Vorstellung als gesellschaftliches Ereignis im kleinen Kreis von gut 200 Gästen, mit den Botschaftern der ASEAN-Länder, mit Innenminister Schily als Ehrengast und lokaler Prominenz. Doch der Adlon-Ballsaal ist nicht als Bühnenraum gebaut, von den hinteren Tischen ließ sich nur sehr vage ausmachen, was in dieser hoch ambitionierten Produktion steckt; man würde sich ein Wiedersehen unter besseren Bedingungen wünschen. Immerhin konnte das Hotel die Mischung von Kunst und Kulinarik bieten; die hauseigenen Köche, beraten von den Kollegen des Berliner Mao Thai, servierten würzige Vorspeisen von Sushi bis Thai-Salat, Fisch in feurigem Kokosmilch-Curry, Ananas gefüllt mit Hühnerfleisch und authentisch-ungewöhnliche Desserts: Versuchungen, denen Rama sicher ausgewichen wäre.

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