Performancekünstler Jonathan Keats : Eisessen gegen den Klimawandel

Der Konzeptkünstler Jonathon Keats hat ein Sorbet entwickelt. Wer es isst, soll angeblich fühlen können, wie Klimawandel funktioniert.

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Für die Entwicklung des Sorbets studierte Jonathan Keats Nacht für Nacht Modelle des Klimawandels.
Für die Entwicklung des Sorbets studierte Jonathan Keats Nacht für Nacht Modelle des Klimawandels.Nico Schmidt

Während die Arktis schmilzt, sitzt Jonathon Keats im Kreuzberger Kühlhaus. Vor dem Philosophen – Dreiteiler, achteckige Brille – liegt eine Liste mit Zutaten. Keats hat ein Sorbet geschaffen, dass Menschen, die es essen, helfen soll, den Klimawandel zu verstehen und eventuell darüber nachdenken, ihn zu stoppen. Hat ihm schon jemand gesagt, was er da mache, sei absurd? "Zu wenige", sagt Keats. Er arbeitet rigoros daran, dass seine Arbeiten absurd und wissenschaftlich sind.

Nacht für Nacht studiert er Klimawandelmodelle

Vor zwei Jahren produzierte er hundert Lochkameras, die er über eine Neuköllner Galerie vertrieb. Die Kupferplatten in den Kameras müssen 100 Jahre belichtet werden, damit ein Bild entsteht. Sie sollten in Berlin aufgestellt werden und dokumentieren, wie der Mensch die Stadt verändert. Damit das funktioniert, recherchierte Keats, welches Verfahren sich eignet. Er sprach mit Konservatoren und verwendete ein Technik, die schon Renaissancemaler anwandten: Er bestrich die Kupferplatte mit Knoblauch.

Für das Sorbet studierte er Nacht für Nacht Modelle des Klimawandels. Er sah, wie Wissenschaftler visualisierten, dass sich unsere Erde erwärmt. Und er zweifelte. Wie können Menschen einfach verstehen, wie schmelzende Arktis und steigende Sonnenstrahlen zusammenhängen? Denn wie sie handeln, wirke sich über Hunderte Jahre aus.

Permafrostschmelze im Verdauungstrakt fühlen

Wenn Menschen essen, reden sie. Viele Gespräche entstehen am Esstisch. Könnte das Essen helfen, Gespräche zu initiieren? Keats glaubt, ja. Im Verdauungstrakt befänden sich 500 Millionen Nervenzellen, die will er stimulieren. Er entwickelt ein Modell. Während Wissenschaftler ihre Theorien mit Farben visualisieren, arbeitet er mit zwölf Stoffen, die einzelne Rezeptoren im Darm stimulieren. Ginseng, Wermut, Chili. Jeder Stoff entspricht einem Phänomen. Schmelzender Permafrost, Temperatur, Sonnenstrahlen. Und das Ganze angeblich fühlbar im Verdauungstrakt.

"Kann ich dem Darm einen Witz erzählen?"

Sein Rezept schickte Keats, der in Mailand lebt, nach Berlin. Ein Koch experimentierte. Das Ergebnis sind drei Eiskugeln mit Topping in grün, blau und violett. Jede entspricht einem Stadium des Klimawandels.

Keats lehnt an einem Eiswagen im Erdgeschoss des Kühlhauses. Hier, in der Luckenwalder Straße 3, hat das State-Festival Minuten zuvor geöffnet, Wissenschaftler und Künstler kommen noch bis Samstagnacht zu Vorträgen, Workshops und eben auch Keats’ Performance zusammen. In seiner Schale liegen jetzt drei Kugeln. Er isst den Klimawandel rückwärts. Was wird sein nächstes Projekt? Er forscht, ob er aus den Strukturen einer Fabel ein Sorbet machen kann. Und er überlegt: "Kann ich dem Darm einen Witz erzählen?"

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