Berlin : Perlen sind keiner Mode unterworfen, ihr Glanz wirkt immer

Inge Ahrens

Wer von Geschmeide spricht, denkt sicher an Perlen. Ein passenderes Wort dafür müsste erst noch gefunden werden. Schwer und schmeichelnd kühl gleiten die schimmernden Tropfen durch die Hand, wie Tau liegen sie um den Hals, warm nach einer Weile, niemals starr, immer den Bewegungen der Trägerin folgend.

Die Perle ist der weiblichste aller Edelsteine, unvergleichlich changierend in verschiedensten Formen und Farben: kugelrund und barock verlaufend, knöpfchenflach und doppelköpfig wie siamesische Zwillinge. Sie ist crèmerosé, so golden wie ein Nugget, grau, schwarz, weiß oder lachsrötlich, kühl scheint sie und jungfräulich und zeigt doch pure Erotik.

So, vielfach am Hals zur Schau getragen, ist die Muschelprinzessin ihrem Image fremd geworden. Von spießig kann keine Rede mehr sein, längst ist sie ein Klassiker. "Junge Leute mit einem ganz bestimmten Bildungsniveau kaufen heute Perlen." Jungja Paulus schaut vom Rang des Opernhauses hinab ins volle Parkett, die Keshi-Perlenkette am Hals einer Schönen hat sie längst ausgemacht, in der Pause wird sie sie etwas näher betrachten. "Wenn ich fünfmal in die Oper gehe, sehe ich an zwei Abenden solche Perlen." Jungja Paulus ist Gemmologin und hat sich auf Perlen spezialisiert, denn die sind ihre Leidenschaft. In Wilmersdorf, wo sie seit zehn Jahren ihr Geschäft hat, ist die Koreanerin ein Begriff. Sie kennt die Sammlerinnen unter ihren Kundinnen: "Manche bringen zur Komplettierung einen ganzen Beutel davon mit."

Was heute in den Geschäften angeboten wird, sind fast immer Zuchtperlen. Süßwasser- und Südseeperlen aus Australien, China, Korea, Indonesien und Französisch-Polynesien. Vor allem aber kommen sie aus Japan, dort werden jährlich fast 70 Tonnen produziert. Längst ist die Perlenzucht ein wichtiger Wirtschaftszweig.

Seit Jahrmillionen gibt es Muscheln in den Ozeanen dieser Welt. Für die wild gewachsene Frucht tauchen die Perlenfischer bis zu 40 Meter tief hinab in den Südpazifik. Viele Male vergebens, selten kommen sie mit großer Beute wieder herauf, und wenn überhaupt, dann sind die Perlen winzig, zuwenig und damit fast unerschwinglich für den Weltmarkt. In Persien weinten die Götter Perlentränen, heißt es. Heute treibt uns der Preis für solche Orientperlen die Tränen in die Augen. Sehr sophisticated ist, wer sich eine solche Kaviarschnur leistet.

Das Kostbarste, was ein Meereswesen schenkt, ist die in seinem Innern gewachsene Perle, und seit mehr als 100 Jahren wird sie schon gezüchtet. Ist die Muschel alt genug, wird in ihr Inneres zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Größe und Form zielgenau Muschelfleisch transplantiert, um das sich nach und nach im Laufe von zwei bis drei Jahren schichtweise Perlmutter legt, der gerade so schimmert wie die Schaleninnenseiten der Muschel. Dort wächst dann mit Glück eine runde Perle, eine ovale oder flache, je nach dem, welche Form das Implantat vorgegeben hat. Die Perle ist dann fertig, sie benötigt keinen Schliff, nach der Ernte wird sie allenfalls mit Holzmehl poliert, zum inneren Leuchten kommt auf diese Weise der Lüster (Glanz) dazu.

Den operativen Vorgang möchte man gern vergessen, lieber an die Perlentaucher denken, Legenden spinnen oder wie die Chinesen hoffen, der Mond lasse die Perlen wachsen, sie seien gar Tau seiner bleichen Sichel. So fehlt der Zuchtperle ein Hauch von Abenteuer, manche sehen auch gar zu makellos aus, so kugelrund, vielfarbig, eine wie die andere.

Der Schimmer von Perlmutter hat viele Farben, und ebenso vielfältig sind die Formen. Bei Zuchtperlen ist alles möglich, manches bleibt ein Geheimnis. Trotz des dirigierenden Menschen macht die Natur noch das ihre. Die Keshi-Perlen zum Beispiel, die zufällig wachsen. Beim Einpflanzen eines Muschelfleischkernes schleicht sich ab und zu ein Fremdkörper zwischen die Schalen, der seine eigenwillige Schönheit erst zur Erntezeit zeigt.

Den Wert der Perle aber bestimmen das makellose Rund, die Größe natürlich und das Farbenspiel, die Oberfläche soll glatt sein und den legendären Glanz aussenden. In der Renaissance durften sie nur von Aristokraten getragen werden, waren Zeichen von Macht und Wohlstand. Doch im Zeitalter der Zuchtperlen gibt es jede Menge Prinzessinnen.Perlenatelier Paulus, Pariser Straße 44, Wilmersdorf, Telefon: 881 56 89.

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