Berlin : Persönlicher Ersatzverkehr

Was tun, wenn keine S-Bahn kommt? Wer auf ein Mietauto umsteigen will, könnte leer ausgehen. Taxis und Leihfahrräder sind dagegen reichlich vorhanden

Werner Kurzlechner
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Als das Comic-Schaf Shaun aus der Toilettenschüssel trinkt, wird am S-Bahnsteig unterm Potsdamer Platz gelacht. Fahrgäste und eine S-Bahn- Mitarbeiterin amüsieren sich am Sonntag gemeinsam über den Klamauk auf dem Infoschirm. Doch spätestens beim Gedanken an den Weg zur Arbeit ab Montag vergeht den Fahrgästen das Lachen. Klar sei sie sauer, sagt eine junge Frau aus Mahlow, aber sie habe für den Weg zur Arbeit keine Alternative. „Für Auto oder Leihwagen habe ich kein Geld, und fürs Fahrrad ist die Strecke zu weit.“ Ihren Sonntagsausflug in den Zoo verbinde sie notgedrungen mit einem Stopp am BVG- Infostand. Beim Kundentelefon der Bahn sei stets besetzt.

Ein Jurastudent aus Pankow will auf U-Bahn und Bus ausweichen. Er wolle schließlich sein einmal gekauftes Semesterticket ausnutzen. „Ich kann mir als Rentnerin zum Glück meine Zeit einteilen“, sagt eine Frau, bevor sie in den Zug nach Potsdam steigt. Eine Bahnmitarbeiterin sagt, sie radle neuerdings zur Arbeit. Ihre Kollegin aus Altglienicke plant, bis Schönefeld das Auto zu nehmen, um in erträglicher Zeit zur Arbeit zu kommen. Denn die S9 und die S45 zum Flughafen fallen – wie auch die Ost-West-Linien durch die City – komplett aus.

Wer angesichts des absehbaren Chaos von der S-Bahn auf ein Mietauto umsteigen will, könnte Pech haben. In jedem Fall empfiehlt es sich, Alternativpläne zu entwickeln und zeitig zu buchen – auch wenn der ganz große Ansturm auf andere Verkehrsmittel noch nicht eingesetzt hat. Engpässe könnten sich trotzdem entwickeln. „Wir sind in Berlin knapp am Limit“, berichtet Stefanie Dargel, Sprecherin beim Autoverleiher Europcar. Die hohe Auslastung sei zu Beginn der Ferien allerdings nicht ungewöhnlich. Schon jetzt ausgebucht sind die sieben Autos und zwei Busse des Verleihs „Auto & Wein“ am Kleistpark. Die Nachfrage sei in letzter Zeit gestiegen, heißt es dort. Unklar sei aber, ob das nur am Beginn der Urlaubssaison oder auch an den Zuständen bei der S-Bahn liege.

Die Ferien lassen zwar die Leihautos knapp werden, aber dafür entspannt sich die Lage für Taxikunden. Nach Angaben von Jens Schmiljun, Vertriebsleiter bei der Funkzentrale Taxi Berlin, werden noch nicht wesentlich mehr Taxen gerufen als üblich – anders als in der Hochphase des BVG-Streiks 2008. Weil im Gewerbe ansonsten Sommerflaute herrscht, ist zurzeit kein Notstand spürbar. Frühzeitiges Reservieren könnte sich trotzdem lohnen, falls ab Montag plötzlich doch jeder ein Taxi ordern will.

Weil auf den Schienen der Stadt in den vergangenen Jahren schon mehrfach wenig ging, sind die Berliner auf solche Situationen offenbar gut vorbereitet. Philip Kaufmann von der Carsharing-Firma Stadtmobil geht davon aus, dass frustrierte Bahnkunden mit Hang zum Auto längst umgestiegen sind. Wer sich kurzfristig dafür entscheidet, könnte den falschen Moment erwischen: Viele Carsharing-Autos sind für längere Reisen vergeben. Fahrgemeinschaften organisieren die Berliner Pendler offenbar im kleinen Kreis. Im klinikweiten Mailsystem zum Austausch über Mitfahrmöglichkeiten tue sich derzeit so gut wie nichts, heißt es bei der Charité. Auch Zweirad Stadler in Charlottenburg rennen die Kunden noch nicht die Türen ein. „Das war beim BVG-Streik noch anders“, berichtet der stellvertretende Niederlassungsleiter Timo Preiß. Damals hätten sich viele verärgerte BVG-Kunden ein neues Rad angeschafft. Auch beim Fahrradverleih der Bahn „Call-a-bike“ sei nur ein geringer Anstieg an Anmeldungen zu verzeichnen, heißt es bei der Bahn.

Vor dem Videobildschirm am Potsdamer Platz steht jetzt ein Ehepaar aus der Nähe von Birmingham. Sie wollen in den nächsten Tagen öfter Rad oder Taxi fahren, sagen die Engländer. Aber keinesfalls ein Mietauto: „Das wäre viel zu stressig.“

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