Personalmangel : Not am Mann in der Verbraucherzentrale

Ausgerechnet in der Finanzkrise fehlt es der Berliner Verbraucherzentrale an Personal. Hunderte Anrufer hängen in der Warteschleife.

Christian van Lessen

BerlinFast verdreifacht hat sich seit der Finanzmarktkrise die Zahl besorgter Anrufer bei der Verbaucherzentrale Berlin (VZ). „Manche Leute sind verzweifelt. Aber die meisten sind ruhig, nicht panisch“, sagt Finanzexperte Peter Lischke, der fast allein Ratschläge gibt und täglich mehr als 40 Anrufe bewältigen muss. Auch Lischke muss Ruhe bewahren. Während er mit einem Anrufer spricht, hängen Hunderte anderer in der Warteschleife oder kommen gar nicht erst durch. Die Krise auf dem Finanzmarkt offenbart auch eine Finanzierungskrise der Verbraucherzentrale. Es fehlt an Geld – und vor allem an Personal.

Die Anzahl der Mitarbeiter hat sich halbiert

„Was nützen 20 Telefonleitungen, wenn keiner da ist, um abzuheben?“ fragt Jürgen Keßler, Vorsitzender der Verbaucherzentrale (VZ). Seinem einzigen Finanzexperten steht statistisch gesehen nur eine halbe Honorarkraft zur Seite. Die öffentlichen Mittel von jährlich 718 000 Euro, die die Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz für Beratungsdienste zur Verfügung stellte, seien nur halb so viel wie 1995 und reichten nicht aus. Damals gab es etwa 50 feste Mitarbeiter, heute sind es 24. Brandenburg gibt nach Angaben Keßlers für seine Verbaucherzentrale pro Kopf 47 Cent aus, Berlin nur 18 Cent, liege damit also deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 35 Cent .

Eine Frau habe sich zum Beispiel gerade bei der Verbraucherzentrale beschwert, dass sie seit zwei Wochen vergeblich versuche, sich für einen Beratungstermin anzumelden. Die Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus hat, vor dem Hintergrund der Finanzmarktkrise, mehr Geld gefordert – zumindest für die unabhängige Finanzberatung der Verbraucherzentrale. Damit solle der Vertrauensverlust der Bürger in die Banken ein wenig abgefangen werden, meint der Abgeordnete Michael Schäfer. Der Antrag, unterstützt von den Linken und der SPD, soll heute im Hauptausschuss behandelt werden. Die Senatsverwaltung wird vermutlich am heutigen Mittwoch den neuen Zuwendungsvertrag mit der Verbraucherzentrale unterzeichnen. Sie Summe hat sich nicht erhöht, die Verbraucherzentrale – sie hält mindestens 75 000 Euro zusätzlich für nötig – erhalte damit Sicherheit bis zum Jahr 2013.
Verbraucherzentrale und Abgeordnete aber erwarten ein Signal des Senats, die Mittel für die Finanzberatung aufzustocken. Abgeordnete hoffen auch auf Verbesserungen der internen Struktur der VZ, auf weniger Bürokratie. Eine einzige Empfangskraft muss bisher die Telefonzentrale bedienen, Termine vereinbaren, den Publikumsverkehr abwickeln, nebenher Papierkram erledigen und kassieren.

Berater warnen vor "schrägen Vögeln"

Ständig klingelt derzeit das Telefon. Keßler wirft den Banken ein „eklatantes Maß an Fehlberatung“ vor. Nach Kundengesprächen verstärke sich der Eindruck, dass es neben „vielen schrägen Vögeln“ bei den Beratern, die oft nur auf die Provision geachtet hätten, auch „Aasgeier“ gebe: Anwälte, die meinten, aus der Krise Kapital zu schlagen und falsche Hoffnungen bei Kunden weckten. Leider seien die Verjährungsfristen nach dem Wertpapierhandelsgesetz mit nur drei Jahren sehr kurz, und es sei schwierig, „Beratungsschaden“ nachzuweisen. Den Kunden wird geraten, Panik zu vermeiden, nach dem Einlagensicherungssystem der Bank zu fragen und Neuanlagen bei Tages- und Termingeldkonten zu deponieren. Kunden sollten nicht einfach jedes vom Bankberater empfohlene Produkt kaufen, genau nach den Chancen und Risiken fragen und nur in Anlagen investieren, „deren Funktionsweise tatsächlich verstanden wurde“.

Beim Verstehen, so Keßler, helfe die Verbraucherzentrale mit einer neutralen Spar- und Anlageberatung. Auch zur privaten Altersvorsorge. Nur: Man muss sie auch telefonisch erreichen können.

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