Berlin : Perücken auf Rezept

Das Geschäft mit der Zweitfrisur wird schwieriger

Ariane Bemmer

Eine Zeit lang war das Perückengeschäft ein buntes und lustiges, das war in den 60er und 70er Jahren, damals gehörten die zum Outfit, damals hat Arnhild Hintelmann in ihrem Perückengeschäft selbst Perücke getragen. Heute steht die 59-Jährige weiß- und kurzhaarig in ihrem Laden voller Plastikköpfe mit künstlichen Frisuren drauf, und die, die zu ihr kommen, wollen Glatzen vertuschen – manche haben sogar ein Rezept dabei: die Krebskranken, die wegen der Chemotherapie kahl werden oder Menschen mit Haarkrankheiten.

Die jüngste Kundin von Arnhild Hintelmann ist sieben Jahre alt, das Mädchen leidet unter Alopecia areata, dem so genannten Kreisrunden Haarausfall – und unter Hänseleien. Arnhild Hintelmann hat dem Kind eine Echthaarperücke gefertigt. Ob die Krankenkasse die komplett bezahlt, ist aber fraglich. Es gibt Leistungsvereinbarungen zwischen Perückenmachern und Kassen. Darin steht als Höchstpreis zwar 396,76 Euro, in der Regel würden aber nur 163,10 Euro genehmigt, sagt Arnhild Hintelmann, dafür gebe es nur Kunsthaarperücken. Frau Hintelmann könnte sich über dieses kurzsichtige Spardenken aufregen („Echthaar hält ein Jahr, Kunsthaar drei Monate“), aber da betritt eine Kundin den Laden in der Tauroggener Straße 36 a in Berlin-Charlottenburg.

Echthaar ist teuer, weil es selten ist. Man muss es Menschen abkaufen, es sichten und sortieren und präparieren und dann auf feine Tüllgazehauben knüpfen. Bei manchen Perücken wird jedes der 80000 Haare einzeln per Hand verknotet. Einen Monat dauert es, bis so eine Zweitfrisur fertig ist.

Die einzigen drei Perückenhersteller Europas sitzen in Süddeutschland. Rudolf Bauer von der Firma Kerling sagt, dass die Suche nach Echthaar immer schwieriger werde. Manchmal werde 40 Prozent der gelieferten Ware aussortiert, das sei früher anders gewesen. Die Gründe? Kaum jemand kämme sich noch ausgiebig, sagt Bauer, dabei sei das wichtig, man verteilt mit der Bürste pflegendes Kopffett im Haar. Außerdem merke man die zunehmende Schadstoffbelastung in der Luft, das Ozonloch, die aggressivere Sonneneinstrahlung.

Im Charlottenburger Perückenladen hat die Kundin eine Frisur aufgesetzt und sofort gekauft. „Das hatte ich noch nie“, sagt Arnhild Hintelmann. Es war Modell Ginger (Bild oben), ihr Klassiker. Längere Haare wie Modell Phoenix (2. von oben) ist mehr für jüngere Frauen, Newport (2. von unten) ist die typische Omafrisur. Obwohl auch die moderner würden, wie es bei der Firma Lofty heißt, die seit 30 Jahren einen Versandhandel (www.lofty.de) betreibt. Die Perücken passen sich dezent der Frisurmode an, denn die meisten Kunden wollen mit der Perücke einfach nur aussehen wie vorher, als sie noch Haare hatten. Modell Cloe in Apfelgrün (unten) ist also nach wie vor nur was für Fasching.

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