Peter Joseph Lenné : Stadt, Park, Fluss

Heute vor 150 Jahren starb Peter Joseph Lenné. Als Hofgärtner für die preußische Krone, aber auch als Stadtplaner prägte er Berlin – mit Grünanlagen, Plätzen und Kanälen. Am Ende kam ihm die Eisenbahn dazwischen.

von
Unendliche Landschaft. Die einst zur Trockenlegung des Tiergartens geplanten Wasserläufe mit ihrer abwechslungsreichen Ufergestaltung entsprechen noch heute den Intentionen Lennés.
Unendliche Landschaft. Die einst zur Trockenlegung des Tiergartens geplanten Wasserläufe mit ihrer abwechslungsreichen...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es braucht nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, dass das nicht leicht werden würde. Hier der 26-jährige Schulabbrecher – jedenfalls hatte er mit 16 das Gymnasium in seiner Heimatstadt Bonn verlassen, um erst einmal eine Lehre zu machen. Dort die Riege der altgedienten Hofgärtner, zum Teil haben schon deren Eltern hier gearbeitet. Einer, Georg Steiner vom Schlosspark Charlottenburg, dürfte sogar den König seinen Bruder nennen. Halbbruder wenigstens, er ist der Sohn der Wirtstochter vom Weißen Ross an Potsdams Brandenburger Tor, wo der Vater des jetzigen Königs ganz besonders intensiv eingekehrt war.

Hofgärtner ist ein Topjob, jedenfalls zu Beginn des 19. Jahrhunderts und wenn man in den Diensten des Königs von Preußen steht. Zwischen 300 und 775 Talern Jahresgehalt sind drin. Nur zum Vergleich: Der Rektor eines Gymnasiums verdient 200, der Bürgermeister von Charlottenburg 613 Taler. Und da geht noch mehr, etwa durch den Verkauf von Schößlingen oder Obst aus den königlichen Anlagen. Machen alle.

In diese Welt tritt Peter Joseph Lenné am 17. Januar 1816 ein, also vor ziemlich genau 200 Jahren. Bald darauf schickt er einen Brief nach Hause. Die Antwort des Vaters, ebenfalls Gärtner, erst in Bonn, dann in Koblenz, kommt prompt: „Dass deine Lage so kritisch unter den vielen Hofgärtnern ist, wie du mir meldest, hätte ich nicht geglaubt“, schreibt er im März und gibt seinem Sohn noch einen Rat mit auf den Weg. Alles werde sicher gut, „wenn du den Herren höflich und vertraut tust und nicht aus dem Gleis als Gärtner heraustrittst“.

Nicht aus den alten Gleisen heraustreten? Da kennt der Vater seinen Sohn schlecht, der eines Tages seinem König sagen wird: „Euer Majestät begreifen immer noch nicht das Geniale meiner Idee!“ Lenné junior wird sich anschicken, die berühmten Schlossgärten von Sanssouci umzugestalten und eine grüne Insel Potsdam schaffen, eine Kulturlandschaft an den Ufern der Havel, die man heute noch Preußisch Arkadien nennt.

Und er wird nicht in Potsdam stehen bleiben. Er wird Berlins Tiergarten zum Volkspark gestalten, wird grüne Oasen in der Stadt anlegen, wie den Mariannenplatz, wird Landwehrkanal und Engelbecken graben lassen, bis sie ihn den Buddel-Peter nennen. Dem König von Bayern gestaltet er die Roseninsel Wörth, den Dresdnern die Bürgerwiese, den Magdeburgern einen Volksgarten, den Kölnern den Garten für die Flora. Harri Günther, bis 1992 mehr als drei Jahrzehnte Gartendirektor von Sanssouci, nennt in seiner Lenné-Biografie über 100 Werke, und das sind nur die wichtigsten Arbeiten. Und er wird ausgezeichnet werden, was er freilich nicht allzu hoch bewertet. Verbürgt ist eine Szene, in der er Gäste im Morgenmantel empfängt, achtlos behängt mit seinen Orden, als wäre es Karnevalskram.

Lenné wird schließlich als Stadtplaner Alleen und Erschließungspläne weit über das damals bestehende Berlin hinaus entwerfen. Und wenn es nach ihm, dem von ihm selbst so benannten Garten-Ingenieur, und seinen Vorstellungen gegangen wäre, dann wäre später vielleicht vom grünen Berlin die Rede gewesen und nicht vom steinernen, wie Werner Hegemann im 20. Jahrhundert über die Mietskasernenstadt schreibt. Oder sogar vom schönen Berlin, denn schön ist eine Vokabel, die Peter Joseph Lenné oft gebrauchen wird bis zu seinem Tod vor exakt 150 Jahren, am 23. Januar 1866. Aber das ist 1816 noch Zukunftsmusik.

Mann fürs Grüne. Peter Joseph Lenné um 1850. Porträt von Carl Joseph Begas.
Mann fürs Grüne. Peter Joseph Lenné um 1850. Porträt von Carl Joseph Begas.Quelle: Wikipedia

Zurück an den Anfang, zum Dienstantritt als Gärtnergehilfe zur Probe.

Zur Probe! Eigentlich eine Frechheit. Lenné hat in Paris gelernt, bei André Thouin, dem Chefgärtner des Jardin des Plantes. Wahrscheinlich kannte er auch dessen Bruder Gabriel Thouin, der in Frankreich für die „Jardins romantiques“ steht, die französische Variante des Landschaftsgartens. Aus England kommend, ist der zu dieser Zeit der letzte Schrei in Europa.

Der Landschaftsgarten ist etwas vollkommen anderes als das symmetrische Schmuckgrün, das die Franzosen und nach ihnen praktisch alle barocken Fürsten Europas seit Jahrhunderten vor und hinter ihre Schlösser pflanzten. In diesen barocken Hofanlagen regieren Lineal und Zirkel, dort flaniert man auf knirschendem Kies, sind Bäume und Büsche beschnitten wie Kunstwerke. Und der Schlossherr sieht schon von Weitem, wer sich da auf den schnurgeraden Alleen nähert.

Dem Landschaftspark, wie er zuerst in England entsteht, sind im Geist der Aufklärung die künstlichen Fesseln genommen, dort lässt man der Natur freien Lauf. Jedenfalls sieht es so aus wie Natur, denn selbstverständlich ist auch diese Landschaft von Menschen gemacht. Doch die Vision von fernen Weiten und verschlungenen Pfaden muss man erst einmal hinkriegen.

Wer aber kann so einen Park anlegen? In Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht viele. In Wörlitz ist es dem Fürsten von Anhalt-Dessau 1775 als erstem gelungen, sich ein heute noch bewundertes Gartenreich zu schaffen. In München hat Friedrich Ludwig von Sckell den Englischen Garten angelegt, begonnen im Revolutionsjahr 1789. Der junge Lenné studiert ihn genau und reist nach Wien, wo er den Schlosspark Laxenburg entwirft und den pompösen Titel Kaiserlicher Garten-Ingenieur verliehen bekommt. Leider ist das Gehalt nicht besonders kaiserlich.

Am preußischen Hof ist man auf den jungen Mann aufmerksam geworden, lockt ihn schließlich nach Potsdam. Der große Friedrich ist seit 30 Jahren tot, sein königlicher Park in keinem guten Zustand mehr und der junge Mann, der schon Paris gesehen hat und Wien, könnte doch mal einen Plan machen, ganz unverbindlich zunächst, weshalb von Festanstellung nicht die Rede ist.

Lenné entwirft ein neues Konzept für den Neuen Garten, ohne die schnurgerade Hauptallee und wie zur Parade angetretene Hecken. Stattdessen sieht er Baumgruppen vor und eine kleine Seenlandschaft mit vielen Buchten. Ein Aquarell zeigt das Landschaftsbild in der Kavaliersperspektive, also von schräg oben, die Bäume werfen sogar Schatten. Lenné wird seine Pläne immer so zeichnen und oft die geplanten Sichtachsen, die ihm so wichtig sind, extra hineinstricheln.

Realisiert wird sein Vorschlag erst einmal nicht. Vielleicht doch zu radikal? Oder einfach nur zu teuer? Lenné zeichnet neu – und noch mal neu. Da trifft es sich, dass ein anderer sich auch für ihn interessiert: Staatskanzler Hardenberg, der nach dem König mächtigste Mann im Königreich Preußen, hat das Schloss Glienicke an Berlins Grenze zu Potsdam bezogen und engagiert Lenné.

Auch der Anfang in Glienicke kann nicht leicht gewesen sein. 1816 wird als Jahr ohne Sommer in die Geschichte eingehen. Ein Vulkanausbruch in Indonesien hat die Atmosphäre verfinstert, in Europa und Nordamerika kommt es zu Missernten und Hungersnot, im Juni schneit es in Teilen Südwestdeutschlands sogar im Flachland. In Berlin klagt der Autor Karl Varnhagen von Ense seinem Freund Friedrich Cotta, dass der Mai ungewöhnlich trüb sei. Für einen Gärtner muss das Wetter ein Albtraum sein. Doch Lenné legt los.

Es wird eine Lebensaufgabe, denn bis zu seinem Tod hat Lenné ein Auge auf Glienicke, erst für Hardenberg, dann für den Prinzen Carl, dritter Sohn des Königs. Glienicke wird sein Meisterstück, ist seit 1990 Teil des Unesco-Welterbes „Potsdamer Schlösser und Gärten“. Dabei war der Park lange vernachlässigt, kaum mehr als solcher zu erkennen, bis zu seiner Restaurierung in den 80er Jahren. Und auch heute, im Lenné-Jahr, sind große Teile nicht ungefährdet (siehe oberen Kasten).

Nach zwei Jahren dann die Überraschung: Ein neues Angebot aus Potsdam. Und es gibt da ein paar Zusatzvereinbarungen, in denen der königliche Hofmarschall seiner gärtnernden Belegschaft, auch dem bis dahin beinahe allein regierenden Gartendirektor Johann Gottlieb Schulze, klar macht, dass Lenné fortan ihnen im Rang gleichgestellt ist. Ganz genau schreibt der Marschall: „Ich mache den Herren Hofgärtnern hierdurch bekannt, dass sie den Anordnungen des Herrn Lenné ebenso Folge zu leisten haben, als wären sie von mir oder dem Gartendirektor ergangen.“

Wie denn, ein 28-jähriger Zugereister? Jawohl, es handelt sich nämlich um jemanden, der „die Gartenkunst erlernt hat und ein Mann ist, der gründliche Kenntnisse und Geschmack hat“. Das saß, zumal Schulze es doch schon einmal schriftlich bekommen hatte, zwar ein braver Mann zu sein und sich Verdienste um die königliche Baumschule erworben zu haben, aber „nicht die geringste Kenntnis von der Gärtnerei“ zu haben. Und Schulze? Wird vergeblich hoffen, dass der Neue seine Tochter heiratet, wird schimpfen – dieser Lenné, der hat ja nicht mal gedient in des Königs Armee! – und endlich in Pension gehen.

Lenné hat seinerseits dazugelernt. Er wird seine Vorschläge vorsichtiger dosieren, das Alte integrieren. Es kommt der Auftrag zur Umgestaltung und zum Ausbau Sanssoucis. Auch diese Aufgabe wird ihn sein Leben lang beschäftigen. Denn dazu gehören die Umgestaltung von Pfingst- und Ruinenberg, die Errichtung der russischen Kolonie Alexandrowka, die Anlage des Parks Charlottenhof für den Kronprinzen und späteren König Friedrich Wilhelm IV., die Neugestaltung der Pfaueninsel, den Marlygarten in Sanssouci, den viele für seine schönste Arbeit halten, den Sizilianischen und den Nordischen Garten. Wäre es dabei geblieben, Lenné wäre ohne Frage als großer Gärtner in die Geschichte eingegangen, und irgendwann wäre sein Name nur noch Experten bekannt gewesen. Aber das tat es nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben