Berlin : Peter Lattemann (Geb. 1963)

„Wenn du deine Jacke versetzt, musst du frieren!“ „Ich weiß, Mutti!“

Erik Steffen

Der absolute Stillstand ist erreicht / Die Zukunft ist im Arsch / Das Heute ist mir gleich!“ Peter, den alle nur „Klopfi“ nannten, weil er auf alles eindrosch, was Lärm machte, liebte die laute Musik. Punk mit deutschen Texten. Sein Motto: „Nix gibt’s!“ Er trommelte, als wollte er eine Welt zertrümmern. „Jung kaputt spart Altersheim!“

Auch seine Freunde aus einem Vierteljahrhundert Kreuzberger Punk- und Hausbesetzer-Geschichte, die ihn in der Kneipe betrauern, kennen das. Für sie ist wieder ein Bruder gestorben. Das passiert in letzter Zeit oft. Selbst seine Mutter, eine echte Ruhrpott-Mutti, ist da, sieht viele zum ersten Mal. „Sind doch alle nett“, sagt sie, und guckt etwas unsicher. Sie weiß nicht, ob sie genug Geld für die Zeche hat. Alle haben viel getrunken – außer ihr.

Als Klopfi Anfang der Achtziger in Kreuzberg 36 aufschlug, war er eigentlich am Ende, war auf Heroin und allem, was es sonst noch so gab. Aber er war Punk und herzlich willkommen im „Arsch von Berlin“. Seine Mutter trennte sich vom alkoholkranken Vater, als er 15 war. Er hat ihn geliebt, sie tranken zusammen. Sie glaubte an seine Intelligenz – er hatte einen IQ von 135. Alles umsonst, Lehrstellen, Therapiestellen – was man so als Mutter tun kann. Er wollte weder Gärtner, Schreiner noch Schlosser werden. Er wollte woanders hin. „Warum hackt sich jemand die Beine ab, um auf Krücken zu laufen?“ Die Mutter verstand ihren Sohn nicht. Der therapeutische Rat: „Lass ihn untergehen.“ Sie machte Abitur auf dem Abendgymnasium und studierte Psychologie, um zu verstehen, was das Leben eines Suchtkranken bedeutet. Ging auf Distanz, ihr Vater enterbte sie wegen unterlassener Hilfeleistung. Sie hat den Sohn verloren, er den Enkel. Dem nicht zu helfen war.

Der Berlin-Einstieg ist brutal. Die Optionen: Stricher, Kleinkrimineller, goldener Schuss. Klopfi entzieht – und bleibt zeitlebens süchtig. Nach Betäubung. Er nomadisiert durch besetzte Häuser und Kumpel-Wohnungen, den Kiez rauf und wieder runter. Eintöniges Leben in schmucklosen Räumen. Er gehört zur Fraktion der „Straßenköter“, der „Assel-Punks“. Sie sitzen mit ihren Bierdosen auf Plätzen, saufen, schnorren. Seit wann er seine Musik im Kopf hatte, weiß keiner. Eine Musik, schnell, laut, dreckig und ehrlich. Wie sein Leben.

Marchstraße 23, Symbol des Häuserkampfs in Charlottenburg. Eine Trutzburg, nach Neonazi-Überfällen und Polizei-Großeinsätzen gesichert wie die Hamburger Hafenstraße. Studenten, Politaktivisten und Punks wohnen da. Seit 1988 besetzt, 1996 geräumt. Klopfi stößt Anfang der Neunziger dazu. Ein täglich bedrohter Freiraum für unbequeme Randgruppen. Kreuzberg ist ihm zu schick geworden. Klopfi findet gleichgesinnte Musiker – und blüht auf. Sie können nichts und wollen nichts werden und nennen sich folglich „Nix Gibt’s“. Sie haben nicht mal Instrumente. Klopfi trommelt auf Plastikeimern, der Verstärker: ein Röhrenradio in einer Obstkiste, die Gitarre wird mit Heftpflastern gehalten. Alles in allem: „Zu hässlich fürs Showgeschäft“. Auf Demonstrationen spielen sie statt der üblichen Konservenmusik „Krach für’s Volk“; so nennen sie ihre Brachialmusik ohne Gesang. Der Text steht auf den Transparenten: „Bier und Hanf gehören zum Kampf!“

Auch nach der Räumung bleiben „Nix Gibt’s“ ein von Mundpropaganda und öffentlichen Proben beförderter Geheimtipp. Nicht die Musik, die Haltung zählt. Absolute Verweigerung. Ein begrenztes Songrepertoire. Sie spielen im „Drugstore“, einem selbstverwalteten Jugendzentrum, dessen Leitgedanke lautet: „Stumpf ist Trumpf.“ Klopfi lebt genauso. Seine Mutter lädt er trotzdem ein: „Mutti, zieh dir eine Jeans an und lass deine Kreditkarten zu Hause.“ Sie besucht ihn, hält Kontakt, schickt Miracoli und Salami. Im Winter gibt es Kleidung. Nie Geld. „Wenn du deine Jacke versetzt, musst du frieren!“ – „Ich weiß, Mutti!“ Bei den Treffen ist er selten nüchtern. Warum auch? Es ist, wie es ist.

Nach zehn Jahren tritt mit Norma eine Frau ins Bandleben, die mehr will. Texte, Auftritte, Perspektiven. Sie singt und bestimmt. Sie macht aus sprachlosen Musikern so etwas wie eine Band. Klopfi liebt sie, vergeblich.

Umjubelte Auftritte im Kreuzberg Museum und anderswo, eine Website und die Arbeit an einem Demo-Band. Nüchterne Proben. Eine Hoffnung? Tellerwäscherjobs in der Ausflugsgastronomie – das klingt nicht nach froher Zukunft. Und doch blüht er kurzzeitig auf. Fühlt sich gebraucht. Träumt von Bootsfahrten auf dem Neuen See. Mit Norma.

Mehr als zehn Jahre lang lebt er in einer Einzimmerwohnung in der Oranienstraße mit Ofenheizung, direkt neben dem Punkclub „SO 36“. Gast ist er dort nie. Kein Geld. Er flüchtet in die Welt der Comics und Science-Fiction. Die Welt draußen verändert sich täglich. Die Oranienstraße wird Gastro- und Flaniermeile. Er bleibt zu Hause, allein. Mit einem Bier. Nur die wöchentlichen Proben und das jährliche „Force-Attack-Punk- Festival“ bei Rostock durchbrechen die Ereignislosigkeit.

Sein Vormieter war „Jesus“, den niemand je ohne Bierdose gesehen hat. Kreuzberger Punk-Urgestein. Er starb einen einsamen Tod, zwei Wochen lang vermisst, dann gefunden. Das ist Klopfi egal. Überhaupt ist ihm immer mehr egal. Als die Wohnung 2008 saniert wird und die Miete um ein Drittel steigt, protestiert er nicht einmal. „Hat doch keinen Sinn.“ Widerstand war früher.

Der Zungenkrebs zwingt ihn ins Krankenhaus. Eine Infektion überfordert den geschwächten Körper. Erik Steffen

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