Berlin : Peter Raatz (Geb. 1938)

Mit einem „Jabbadabbadoo!“ geht er in Führung – und kippt um.

Anselm Neft

Wie riesige Schmetterlinge mit zusammengeklappten Flügeln gleiten die Segel über die Havelbucht, durchsichtig, rot, blau oder gelb geadert. An Bord der „Windanna“ jubeln Menschen den Surfern zu. Gleich werden sie in ihren schwarzen Neopren-Anzügen an Deck steigen zu Preisverleihung, Kaffee, Kuchen und Wurstsuppe.

Als er noch Feinmechaniker-Lehrling war, in den Fünfzigern, beschaffte sich Peter Raatz mit seinem Freund Peter Czada ein Paddelboot mit Segel. Bald mussten größere Boote her, wie der Jollenkreuzer „Tante Anna“. Mädchen durften gerne mit auf den Wannsee. Dann musste Raatzens kleiner Bruder das Steuer halten. Die Freundin des kleinen Bruders hieß Monika und fuhr sehr gern mit – wegen Peter Raatz. Dieser kühne Bartschatten, dieser verwegene Zug um den Mund, diese abenteuerlustigen Augen. Und dann fuhr Peter auch noch diesen todschicken Oldtimer.

In Zeiten, in denen es noch den Verkupplungsparagrafen gab, konnten junge Leute nicht einfach zusammenziehen. Zwei Nachnamen auf einem Türschild – das gehörte sich nicht. Also heirateten Peter und Monika schnell, zogen zusammen und bekamen zwei Söhne.

Als Peter 1971 einen Artikel über die amerikanische Neuerfindung „Windsurfing“ las, wusste er sofort, was zu tun war: Seine Schwester arbeitete bei der Lufthansa; sie musste ein Board aus L.A. mitbringen. So besaß Peter eins der ersten Boards in Deutschland und gilt als ein Urvater des Windsurfens. Peters Kollegen bei der Bewag, seine Freunde und Freundinnen und wiederum deren Freunde und Freundinnen wurden angesteckt. Immer neue Boards kamen aus Übersee nach Berlin. Nah am Wasser, den Wind in den Händen, frei und beweglich, so wollten sie übers Wasser gleiten, hinaus aus der bürgerlichen Enge, die auch in den Siebzigern noch herrschte.

Im Sommer 1972 gründeten sie den Windsurfing Verein Berlin. Mit der Suche nach einem Domizil begann eine Auseinandersetzung, die in die Presse als „Wasserkrieg“ einging: Ein Gastronom überlässt dem Verein verdächtig günstig sein Restaurantschiff. Es besitzt jedoch keine Liegegenehmigung. Der Senat beauftragt die Polizei, die schleppt das Boot über den Wannsee zur Insel Schwanenwerder. Die Surfer holen sich ihr Domizil zurück. Der Senat lässt das Schiff bei Nacht und Nebel verschrotten. Der Verein, immerhin schon 500 Mitglieder stark, zieht vor Gericht und bekommt Recht: Zur Entschädigung muss ein neuer Liegeplatz her. Es vergehen jedoch noch 18 Jahre, in denen Peter und sein Verein wacker und zu allem entschlossen durch die trüben Gewässer der Lokalpolitik waten, bis schließlich am Wannseebadweg 46 die stolze „Windanna“ als Vereinsdomizil im Wasser ruht.

Peter ist ein Kämpfer. Beim Sport jedoch heißt sein Motto: „Vom Konkurrenzkampf zum Sozialspiel“. 1974 findet in Frankreich die erste Windsurfing- Weltmeisterschaft statt. Peter geht mit seinem Schlachtruf „Jabbadabbadoo!“ früh in Führung, wird durch Motorboote, auf denen Kameraleute den Wettkampf filmen, verunsichert, kippt um und erreicht das Ziel als letzter. Am Abend lacht er am lautesten – um ihn 60 vergnügte Vereinsfreunde in einem verspiegelten Ballettsaal voller Matratzen.

Als Peter die Krebsdiagnose bekommt, ist er schon im Rentenalter. Nach wie vor muss er immer wieder an die Grenzen seiner Kräfte gehen; nun weniger im Kampf für den Verein, und mehr beim Bau eines Hauses in der Nähe von Michendorf. Die Krankheit passt überhaupt nicht in sein Selbstbild. Fassungslos spricht er mit seinem Seelsorger in der Klinik Havelhöhe, mit Blick aufs Wasser. Auch an seine Kindheit erinnert er sich dabei noch einmal, die Flucht vor der Roten Armee aus Schneidemühl nach Berlin, die zertrümmerte Hauptstadt, die klirrende Kälte an Heiligabend, wenn er mit seinem Vater im Pferdewagen Gänse zu den Häusern karrte, der frühe Tod des Vaters, Peter als dreizehnjähriges Familienoberhaupt.

Eine Hilflosigkeit hat sich in den abenteuerlustigen Blick geschlichen, als er beim Vereinssommerfest bleiben will, bis die Kapelle spielt. Mit seiner Monika eröffnet er den Tanz, zieht sie fest an sich und dreht sich mit ihr zum letzten Mal inmitten seiner Freunde. Anselm Neft

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben