Berlin : Peter Rambauseck (Geb. 1934)

„Ramba“ wollte die revolutionäre Frage nicht nur theoretisch angehen

Regina Scheer

Man kann sich kaum vorstellen, dass die Stenotypistin Lotte Rambauseck aus der Hagenauer Straße, Prenzlauer Berg beglückt war, als sie im Frühjahr 1933 schwanger wurde. Die 25-jährige Mitarbeiterin im illegalen Abwehrapparat der Kommunistischen Partei war schon auf dem Sprung nach Moskau, um sich auf der Lenin-Schule für geheimdienstliche Arbeit ausbilden zu lassen.

Der junge Vater Hans Janocha, Malergeselle, Mitglied des längst verbotenen Rotfrontkämpferbundes, hat sein Kind noch gesehen, bevor er ins tschechische Exil ging. Die Mutter übergab ihren neugeborenen Sohn einer älteren Arbeiterin aus der Naugarder Straße, die auch Mitglied der KPD gewesen war. An seinem ersten Schultag im September 1940 hörte Peter den Namen Rambauseck zum allerersten Mal. Er erfuhr, dass die Frau, bei der er aufwuchs, gar nicht seine Mutter war. Die sagte dann über seine Eltern: Du kannst stolz auf sie sein. Der Vater, wusste sie, war nach Spanien zu den Internationalen Brigaden gegangen.

Ob sie Kontakt zu Lotte Rambauseck hatte, die unter dem Decknamen „Hete“ auch in Berlin konspirativ arbeitete, ist unbekannt. „Hete“ war in der Schweiz, in Dänemark, Belgien, Frankreich unterwegs, knüpfte mit an einem Netz des Widerstandes. Peter erinnerte sich später schemenhaft, dass sie manchmal nachts zu ihm kam, ihn in den Arm nahm. Womöglich nur ein Traum.

Als die Bomben auf Berlin fielen, wurde er nach Böhmen evakuiert, lebte dort unter der Obhut liebloser Schwestern der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“, ein immer hungriger Junge, verschüchtert aber schlau. Im Chaos der letzten Kriegsmonate machte sich der Elfjährige allein auf den Weg nach Hause. Er schloss sich Flüchtlingstrecks an und versprengten Gruppen von Wehrmachtssoldaten, stieß schließlich auf russische Soldaten, die ihm zu essen gaben und ihn nach Berlin mitnahmen. Äußerlich unversehrt kam er an – und stand in der Naugarder Straße vor einem Trümmerhaufen.

Er lebte im Kinderheim „Pawel Kortschagin“, ein dünner Vierzehnjähriger, als er 1948 zum Tag der Opfer des Faschismus in den Lustgarten ging, wo es unter den Demonstranten einen ganzen Block von Spanienkämpfern des Thälmann-Bataillons gab. Denen zeigte er das einzige Foto seines Vaters, das er besaß. Niemand wusste es genau, aber wahrscheinlich, so erfuhr er, war Hans Janocha am Ebro gefallen. Fortan kümmerten sich die Spanienkämpfer um Peter, kauften ihm Kleidung, und einer, José, wurde sein väterlicher Freund. Er riet ihm, nach der Schlosserlehre in die Kasernierte Volkspolizei einzutreten, der Frieden müsse bewaffnet sein. Eine bittere Entdeckung Jahrzehnte danach: José schrieb für die Staatssicherheit Berichte, bespitzelte Peter später sogar in West-Berlin.

Peter Rambauseck, kasernierter Volkspolizist, glaubte an den Sozialismus, aber immer weniger daran, dass der in der DDR wachsen könnte. Er ließ sich nicht verbieten, nach West-Berlin ins Kino zu gehen, besuchte Jazzkeller in Ost-Berlin. Immerhin bot die DDR einem wie ihm die Möglichkeit, an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät das Abitur zu machen und ein Medizinstudium zu beginnen. Als die Mauer gebaut wurde, war er schon ohne Illusionen. Er wollte gar nicht unbedingt in den Westen, aber einsperren lassen wollte er sich noch viel weniger. Am 24. September 1961 haute er ab. Er besorgte sich die Uniform eines amerikanischen Besatzungssoldaten, fälschte Papiere, steckte sich eine Schachtel Camel ein und vertraute darauf, dass die Grenzer ebenso wenig Englisch sprachen wie er.

In West-Berlin wollte er sein Medizinstudium fortsetzen, aber der Arbeiterjunge aus dem Osten fühlte sich fehl am Platz unter den Bürgerkindern. Seine Leute fand er anderswo. Bald schon traf er Rudi Dutschke, der wie er aus der DDR gekommen war. Peter studierte nun Politikwissenschaft an der FU.

Wohl jeder, der in Berlin die Anfänge der Studentenbewegung miterlebt hat, kennt „Ramba“, wie er im SDS genannt wurde. Er gehörte zur „Anschlaggruppe“ mit Dutschke, Rabehl, Kunzelmann, die die revolutionäre Frage nicht nur theoretisch angehen wollte. Peter wurde zum Mitbegründer der linken Basisgruppen außerhalb des studentischen Milieus, vor allem im Wedding, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Vorerst aber verbrachte er Jahre in der psychoanalytisch orientierten „Kommune 2“ in Charlottenburg. Es war die Zeit der theoretischen Auseinandersetzungen, des Streits und des Ringens um Lebensformen, für die es keine Vorbilder gab. „Ramba“ ging keiner Auseinandersetzung aus dem Weg, auch nicht auf der Straße, dabei verabscheute er Gewalt. Höchstens warf er mal mit Mehltüten.

Vielleicht war er dennoch, ohne es zu wissen, seinem Vater Hans Janocha ähnlich, der bei Straßenkämpfen an vorderster Stelle gestanden, um 1930 Bolle-Läden überfallen und die Lebensmittel verteilt hatte. „Die soziale Revolution ist keine Parteiensache“ ist der Name einer rätekommunistischen Zeitschrift, zu deren Herausgebern Peter gehörte. Manche Weggefährten blieben lebenslang seine engen Freunde. Mit anderen kam es zum Bruch oder zur Entfremdung, auch weil er eine Universitätskarriere ablehnte. Allem Etablierten misstraute er, Anpassung war Verrat. So lebte er auch materiell bedürfnislos bis zum Schluss.

In seinen letzten Jahren hat er über das Versäumte gesprochen. Peter hatte viele Beziehungen, die Liebe festzuhalten ist ihm nicht gelungen. Er hätte gern ein Kind gehabt. Dabei – oder auch deshalb hat er sich lange für junge Leute eingesetzt. Eine Zeit lang arbeitete er in einem Kinderladen. Das war vielleicht die glücklichste Zeit seines Lebens. Oder war es die Zeit in den Siebzigern, als er sich der Werkschule anschloss, einem pädagogischen Projekt, das aus der Randgruppenstrategie der Studentenbewegung hervorging? Da lebten fünf Erwachsene mit entwurzelten Jugendlichen, begleiteten sie nicht in pädagogischer Distanz, sondern teilten ihr Leben, bauten mit ihnen Häuser aus, verreisten. Die Jugendlichen machten einen Hauptschulabschluss. Für die meisten waren die Jahre lebensbestimmend. Auch für die Erwachsenen.

Seit 1993 verbrachte er die Sommermonate in einem kleinen Mecklenburger Dorf, fand dort neue Freunde, lebte im Rhythmus der Natur. Das war heilsam, denn kurz zuvor hatte ihn eine Entdeckung erschüttert: Lotte Rambauseck war nicht, wie er geglaubt hatte, noch vor Kriegsende gestorben. Er besaß nur ein einziges Bild von ihr, ein Fahndungsfoto der Gestapo. Darauf sieht man ihrer beider Ähnlichkeit. Durchs Einwohnermeldeamt fand er ihre Adresse heraus und fuhr nach Köln. Zu spät. Die als herb und verschlossen geltende, alleinstehende Frau war gerade gestorben, ihre Wohnung aufgelöst. Auf ihrem Schreibtisch soll das alte Foto eines kleinen Jungen gestanden haben.

In einem Moskauer Archiv fand sich die Spanien-Akte seines Vaters. Ein Trost, ein kostbares Geschenk war das. Hans Janocha hatte auf die Frage nach seinem nächsten Angehörigen 1937 geschrieben: „Mein Sohn Peter, 3 Jahre.“

Gefreut hat Peter sich auch, als eine Gruppe junger Leute, die „Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft“, vor ein paar Jahren seine Nähe suchte und den merkwürdig alterslosen, jugendlich wirkenden Peter Rambauseck zum Ehrenvorsitzenden machte.

Das letzte Dreivierteljahr seines Lebens war ein elender, aussichtsloser Kampf. Ohne zu klagen unterzog er sich den Bestrahlungen, nahm die künstliche Ernährung hin, konnte nur noch mithilfe eines Apparats sprechen. Doch die Freundinnen und Freunde seines Lebens gaben sich die Klinke in die Hand, so schwer es ihnen dieser streitlustige Mensch auch immer gemacht hatte. Auf seinem Nachttisch lag das Buch „Vögeln ist schön. Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt“. Peter Rambausek wollte die Welt verbessern, war ein Rebell auch da, wo es nicht nötig war, stur und trotzig. Im Kant’schen Sinn aus krummem Holz gemacht, man konnte nichts ganz Gerades aus ihm zimmern.

Der Platz im Krematorium reichte kaum für seine Gefährten aus all seinen Lebensphasen, alt gewordene Achtundsechziger, jüngere Frauen und Männer, die er als Tutor an der Fachhochschule für Sozialarbeit betreut hatte, Dorfbewohner, Weddinger Nachbarn und die jungen Freunde der klassenlosen Gesellschaft. Auch ein neugeborenes Kind war da, im Arm seines Vaters.

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