Berlin : Peter Schweizer (Geb. 1921)

Den Fernsehturm hätte er lieber im Friedrichshain gesehen oder noch weiter weg.

Thomas Loy

Marzahn, Wohnungen für 100 000 Menschen. So lautet der Plan. Peter Schweizer ist mit seiner Frau hinausgefahren, um ihr alles zu zeigen. Straßen, Schulen, Plätze. Und da kommt der Hügel hin mit Rodelbahn und Spielplatz. Großzügig und offen soll alles werden, hell und grün. Seine Frau sieht nur eine riesige Sandfläche.

Nachher sieht Marzahn etwas anders aus als im Kopf von Peter Schweizer, dem stellvertretenden Chefarchitekten Ost-Berlins. Vor allem die Hochhäuser sind höher. Schweizer hatte gewarnt. Was passiert, wenn’s brennt? Wer bezahlt die zusätzlichen Fahrstühle? Was ist mit den Windkanälen? Wie sollen die Fassaden später neu gestrichen werden? Von nachhaltigem Bauen steht nichts im Plan. „Wohneinheiten“ sind abzuliefern. Ein paar Stockwerke obendrauf ist billiger als ein neues Haus daneben.

Peter Schweizer lernte Maurer nach dem Krieg. Weil sein Vater Architekt war und kein geringer, machte sich auch Peter ans Entwerfen. Fürs Studieren war keine Zeit. In Weimar arbeitete er in einem Architekturbüro, das sich am Wettbewerb für die Stalinallee beteiligte und den ersten Preis für die Gesamtplanung bekam. Sein Chef schickte ihn nach Berlin. Dort baute er auf Augenhöhe mit dem berühmten Hermann Henselmann.

Peter Schweizer reiste nach Meißen, um geeignete Fliesen für die Außenhaut der Gebäude auszusuchen. Doch bald merkte er, dass es eine höhere Instanz gibt als das gute Gewissen des Architekten. Zu Stalins 75. Geburtstag am 18. Dezember ’52 sollte der erste Bauabschnitt fertig sein, zumindest fertig aussehen. Die Gräben für die Fernwärmerohre wurden rohrlos wieder zugeschüttet und die letzten Fliesen bei Frost angeklebt.

Peter Schweizer sah es mit Schaudern und schwieg. Immerhin war er selbst in der SED, auch wenn ihn die Rhetorik der Genossen oft abstieß. Er hasste es, wenn Leute über Dinge redeten, von denen sie keine Ahnung hatten. Das Ausdrucksmittel seiner Wahl war der Zeichenstift, das bevorzugte Medium das Buch.

Er hätte Höheres werden können, blieb aber lieber Stellvertreter, der Denker im Hintergrund. Die Rolle füllte ihn aus, auch wenn es ihn manchmal grämte, dass sich andere mit seinen Lorbeeren schmückten.

Sein einziges Buch gibt es nirgends zu kaufen, „Strukturanalyse für das Zentrum von Groß-Berlin“ von 1959. Niemand hat ihn damit beauftragt, denn alle Fragen, die das Zentrum der Stadt betreffen, sind politisch vermint. Offiziell ist Berlin noch als Ganzes zu betrachten, als Hauptstadt eines geeinten Deutschland. Die SED ringt sich zu einem Wettbewerb durch. Schweizer wird Leiter eines Architektenkollektivs, das einen Entwurf vorlegen soll. Man plant eine neue Staatsoper auf der Fischerinsel, einen mächtigen Kulturpalast auf dem heutigen Marx-Engels-Forum und eine Tribüne für die großen Aufmärsche auf dem Schloßplatz. Die Friedrichstraße soll wieder Einkaufsmeile sein. Schweizers Kollektiv gewinnt den Wettbewerb. Gebaut wird deswegen noch lange nicht. Kulturpalast und Staatsoper bringen keine Wohneinheiten. Zentrales Gebäude wird ein Fernsehturm. Den hätte Schweizer lieber im Volkspark Friedrichshain gesehen oder noch weiter weg, auf den Müggelbergen. Ein langer Stachel aus Beton neben einer mittelalterlichen Kirche, wie sieht das aus? Im Politbüro finden sie den Stachel großartig. Schweizers Kollektiv-Entwürfe werden korrigiert. Das Hotel-Hochhaus auf dem Alexanderplatz verschiebt Genosse Ulbricht höchstselbst nach Norden, so entsteht eine breite offene Flanke zu den großen Verkehrsachsen. Ein schwerer Fehler, findet Schweizer, aber was soll er machen?

Auf der Fischerinsel möchte er die vom Krieg verschonten Häuser sanieren, aber die Baukombinate winken ab. Die Holzpfeiler, auf denen die Häuser stehen, sind angefault. Eine neue Gründung lohnt sich nur, wenn neue Häuser gebaut werden, möglichst hoch. Schweizer möchte maximal zwölf Geschosse, doch die Bauleute sagen, ihre Kräne schaffen auch 25. In der DDR wird meistens gemacht, was die Bauleute sagen.

Peter Schweizer wehrt sich nicht, als sein Chef die Zentrumsplanung an sich zieht. Er soll jetzt Wohnungen für Zehntausende bauen, in Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen. Planerisch sehr reizvoll, organisatorisch eine herkulische Aufgabe.

Später, nach der Wende, als der Westen beginnt, über den Osten zu mäkeln, als Flaneure den Untergang des alten Berlins beklagen, vergräbt sich Schweizer in seinen Büchern, reist nach Paris und Rom, freut sich über die alten Viergeschosser und überlässt seinen ehemaligen Kollegen die Verteidigung des sozialistischen Plattenbauerbes.

Sein Name gerät in Vergessenheit. Dabei, das sollten die Bauhistoriker mal notieren, hat er die Straße Unter den Linden vor dem Zugriff des Hobbyarchitekten Ulbricht bewahrt. Der wollte sich auch mitten im preußisch-schinkelschen Kulturerbe über die bürgerlich-reaktionäre Traufhöhe hinwegsetzen.

Übrigens lebte Peter Schweizer bis kurz vor seinem Tod in einem Flachbau, eingeschossig, aus zermahlenen Ziegelsteinen. Nicht gerade schön, schon gar nicht architektonisch interessant. Ein Haus zum Drinwohnen, mit allem, was man braucht. 35 000 Ostmark kostete es, als es 1958 gebaut wurde. Mehr Geld auszugeben, erlaubte die Partei ihrem Architekten nicht. Thomas Loy

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