Berlin : Peter von Maikowski (Geb. 1937)

Was man selbst machen kann, soll man selbst machen

von

Die Bilanz eines Lebens, woran bemisst sich die? Daran, was einer hinterlässt? Wie viele Freunde er hatte, Leute, die gut über ihn reden? Daran, wie er gestorben ist? Ob er sich verwirklicht hat? Dazu müsste man wissen, wer er wirklich war und wer er hätte sein können. Wer weiß das schon?

Die ersten beiden Fragen sind hier leicht beantwortet. Peter von Maikowski hinterlässt ein großes Mietshaus in der Wiener Straße, Kreuzberg. Das hat er ausgebaut und repariert, ein schönes Haus. Darin wohnen ausnahmslos Menschen, die ihn mochten.

Er hinterlässt eine Werkstatt im Hinterhof mit zwei riesigen schwarzen Maschinen aus den fünfziger Jahren, die einzigen Setzmaschinen in Berlin, die noch in Betrieb sind, die noch Buchzeilen aus Blei ausspucken, mit denen sich Bücher drucken lassen, denen man den Druck ansieht und anfühlt.

Dann zwei Bücher aus dem eigenen Verlag: Herbert Marcuse, „Das Ende der Utopie“. Che Guevara, „Hasta la victoria, siempre“.

Eine schöne Finca und ein fruchtbares Tal in Südspanien, in einer Gegend, wo die Täler selten fruchtbar sind.

Dutzende Mappen mit Bildern, die er gemalt hat während seiner Schul- und Studienzeit und dann noch mal, viel später.

Viele Menschen, die sich sicher sind: Das war ein guter Mensch.

Seine Eltern sind sehr alt geworden, er war von stabiler Statur. Er hätte längst nicht sterben müssen. Wenn er es nicht gewollt hätte.

Peter kam aus Hamburg, einfache Leute, der Vater war Tischler, die Mutter Tochter eines Bauunternehmers. Wichtig war die Arbeit, das lehrte der Vater seinen Sohn. Sehr protestantisch, das Ganze: Man ist, was man tut, nicht was man hat. Träume sind Schäume, was zählt, ist die Pflicht.

So tief sich das auch festfressen mag in einer jungen Seele – wahrhaben muss sie es noch lange nicht. Peter, der zum Gefallen der Eltern eine ordentliche Lehre als Schriftsetzer absolviert hatte, schwerte aus: Er bewarb sich an einem Gymnasium, musischer Zweig. So etwas gab es noch nie, er war viel zu alt dafür, er konnte längst sein Geld verdienen. Jetzt fing er noch mal an, Lehrbücher zu lesen und Äpfel und Hände abzumalen. Ein Lehrer sah Peters Zeichentalent und sagte ihm: Mach was daraus! Solche Menschen traf Peter nicht oft in seinem Leben.

Als er 30 war, hatte er sein Abitur in der Tasche und zog so weit weg von Eltern und Pflicht, wie das nur möglich war. In West-Berlin begann er ein Kunst-Studium. Der Lehrer hatte ja recht gehabt, Peter hatte Talent, er wurde Meisterschüler. Er würde nun Maler werden, der Welt in seinen Bildern zeigen, was er von ihr hielt. Andere tun das mit Worten, aber so einer war er nicht.

Er lernte eine Frau kennen und vielleicht sogar lieben, es ging alles ganz schnell, die Heirat, die Tochter, die Scheidung. Keine zwei Jahre währte das, und man müsste nicht weiter darüber sprechen. Wenn Peter mehr dem Zeitgeist, der ihn umgab, entsprochen hätte: Künstler und Studenten im West-Berlin der ausgehenden sechziger Jahre, die den Spießerkram hinter sich lassen wollten. Aber er war der Sohn seiner Eltern, da war es klar, dass der Mann für seine Familie zu sorgen hat. Also begann er, in dem Beruf zu arbeiten, den er erlernt hatte, eine ehrenwerte, solide Sache. Seine eigene Schriftsetzerei eröffnete er und bekam genug Aufträge, um von früh bis spät arbeiten zu müssen.

Dutzende solcher Betriebe gab es noch in der Stadt, der Buchdruck war eine mechanische Angelegenheit. Um Schrift auf Seiten zu drucken, benötigten die Druckereien Matrizen, in Blei gegossene negative Abbilder der Zeilen. Die stellten Leute wie Peter an ihren Maschinen her: Der Setzer tippt den Text in die Tastatur, die Mechanik fügt die Typen zur Zeile, diese gelangt in eine Vorrichtung, die den Bleiabguss herstellt.

Der Schriftsetzer muss nicht nur grafische und orthografische Kenntnisse haben, er muss auch die Mechanik beherrschen. Die Setzmaschine ist ein kompliziertes Wunderwerk, doch da es Wunder nicht gibt, klemmt es immer mal irgendwo. Peter behob derlei Fehler grundsätzlich selbst, denn so hatte er es vom Vater gelernt: Was man selbst machen kann, soll man selbst machen.

Nur selbst malen, das konnte er nicht mehr. Er war ein gefragter Schriftsetzer. Ein gefragter Maler war er nicht. Und er verspürte nicht diesen rätselhaften Drang des Künstlers, die Welt mit Werken anzufüllen, nach denen die Welt ihn nicht gefragt hat. Vielleicht hätte er der Welt viel wertvollere Werke schenken können als seine Freunde, die schenkten und schenkten und sich beim Rotwein über ihr Verkanntsein unterhielten. Vielleicht erschien ihm das Schicksal der Freunde nicht attraktiv genug. Es fehlte ihm jedenfalls das Vertrauen, es weiter zu bringen.

Auf anderem Gebiet brachte er es viel weiter. Mag sein, dass dieses Gebiet zeitweise außer Mode geraten war: Selbst für sich sorgen, arbeiten und Geld verdienen, mit dem Geld Gutes tun. Die anderen hatten Wichtigeres vor. Die ganze Welt wollten sie umsorgen, die Revolution stand an! Ein alter Freund aus jenen Tagen sagt es so: „Jeder von uns hatte den Marschallstab im Tornister, der eine holte ihn dann und wann raus, beim anderen klemmte er ewig.“

Nur Peter hatte so etwas nicht. Er hatte Geld, mit dem er dem ein oder anderen bei Nebensächlichkeiten wie der Miete weiterhelfen konnte. Er hatte seine Setzerei, die er nachts Kämpfern für das Weltenwohl zum Setzen ihrer Aufklärungsschriften überließ. Er gründete einen Verlag und gab die beiden Bücher heraus mit Schriften der Helden Guevara und Marcuse. Die Leute lasen ja damals wie irre, weil sie zwischen den Buchdeckeln das Rezept für die Revolution suchten. Da war es ganz gut, wenn jemand ihnen mal Bücher anbot mit echten Buchdeckeln und gut gedruckten Seiten. Die großen Wahrheiten standen in jenen Jahren meistens in hektografierten Raubdrucken.

Peter befand sich mittendrin, und stand immer am Rand. Er besuchte die Stammtische der Weltveränderer. Aber einer von ihnen war er nicht. Was war er eigentlich? Ein Arbeiter? Ein Kapitalist? Er arbeitete hart. Und hatte seine eigene kleine Firma, die ihn recht gut versorgte.

Mitte der Siebziger wurde er auch noch Hausbesitzer. Die Eltern zahlten ihm einen Teil des Erbes aus, und er konnte mit seiner damaligen Freundin das Haus in der Wiener Straße kaufen. Da wohnten fast nur Witwen drin, und wenn eine von ihnen starb, baute Peter ihre Wohnung aus und vermietete sie für wenig Geld an einen Freund. Hinten kam die Werkstatt mit den Setzmaschinen rein. Die Bundesdruckerei ließ hier ihre Patente setzen, eine lukrative Sache.

Die Räume über der Werkstatt baute Peter für sich und seine Freundin aus. Der größte Raum bekam eine Lichtkuppel: Was für ein Atelier, so viel Platz und Licht zum Malen! Wenn jemand fragte, warum er es nicht tat, fragte er zurück, woher er die Zeit dafür nehmen sollte. Die Setzerei! Das Haus!

Ein Freund schenkte ihm ein altes Buch über die Kunst der Bogenmauerei. Und Peter mauerte Bögen. Im Hof sieht man noch etliche davon. Perfekte Bögen, einige mit, viele ohne Funktion.

Und dann war da noch Spanien. Dort baute er eine kaputte Finca aus. Dann kaufte er das ganze Tal daneben, eine Steinwüste, bewässerte es mit großem Aufwand, pflanzte Obst- und Olivenbäume. In den letzten Jahren war er öfter dort unten als in Berlin. Er hatte noch mal geerbt und hatte mehr Geld, als er ausgeben konnte. Er spendete viel, er unterstützte Freunde. Und malte endlich wieder. Mehr für sich als für die Kunst, aber wer von beiden war denn wichtiger?

Vor fünf Jahren trat Jola in sein Leben. Sie war Polin und wollte in Deutschland bleiben. Er war fast 70 und konnte sich gut vorstellen, dass so eine junge, herzliche Frau ihm guttun könnte auf seine alten Tage. Sie heirateten – und dann verliebten sie sich ineinander, ganz wirklich, ganz echt. Und da tat der schüchterne Peter etwas völlig Unerwartetes: Er sagte anderen Leuten, wie es ihm ging. Gut ging es ihm, großartig! Bis auf die Angst, diesen Menschen wieder zu verlieren. 25 Jahre lagen zwischen ihnen. Würde er ihr genügen?

Nach drei glücklichen Jahren erkrankte Jola und starb qualvoll. Peter, dem der Alkohol nie fremd gewesen war, gab sich jetzt dem Alkohol hin. Niemand musste ihn mehr fragen, wie es ihm ging. Alle sahen es.

Im Frühjahr kam er ins Krankenhaus, danach, nur kurz, in eine Klinik zur Behandlung der Sucht. Seinen Schmerz konnten sie nicht behandeln.

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