Petriplatz : Im Keller der Geschichte

Am Petriplatz an der Gertraudenstraße in Mitte finden sich die Ursprünge Berlins. Archäologen fördern hier Schätze zutage – der Senat will sie dokumentieren. Bald gibt es Führungen.

Lothar Heinke
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Archäologin Claudia Melisch (vorn) und ihr Team arbeiten unter dem Petriplatz an der Getraudenstraße. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„Cölln bekommt wieder ein Zentrum“, sagt sie bestimmt, aber dies scheint ihr viel zu allgemein. „Nein. Sagen wir besser: Cölln kriegt wieder ein Herz. Sein Herz. Und wir sind vielleicht so etwas wie die Herzschrittmacher.“ Claudia Melisch, Archäologin und Spezialistin für Sprachen und Literatur des Mittelalters, steht an der Bauzaun-Ausstellung am Petriplatz in Mitte, gleitet mit der Hand über Meister Memhardts Stadtplan von Berlin und Cölln um 1652.

Da erkennt man deutlich den Handelsweg, der mitten durch die beiden nur von der Spree getrennten Städtchen führt, an vier Kirchen vorbei. Wer von Süden kam, traf zuerst auf St. Petri auf dem Petriplatz zu Cölln. „Und das ist davon übrig geblieben“, sagt die Archäologin, während wir auf der gegenüberliegenden Seite durch drei kleine Bauschaufenster blicken. Was man da sieht, ist der wohl älteste Ort dieser Stadt.

Zwei, drei Meter unter uns, quasi im Keller der Berlin-Geschichte, hocken zwei Archäologen zwischen dem Gestein freigelegter Fundamente, Feldsteine, Mauerwerk – hier liegt ein Stück Berlin im 13. Jahrhundert. Schicht um Schicht haben sie in den vergangenen Jahren abgetragen, bald soll die Geschichte dieser Stadt sichtbar werden. „Hier sollen die Anfänge gezeigt, gefühlt und verstanden werden. Der Petriplatz wird ein Ort, an dem sich die Geschichte präsentiert, wo man gern verweilt und an dem die Bewohner im Kiez ihre Freude haben“. Bis dahin ist ein weiter Weg. Momentan kennt den Petriplatz kaum jemand. Das Geviert an der Kleinen Gertrauden- , Scharren- und Breite Straße ist nur ein Bauplatz, die Breite Straße wird zurückgebaut, das DDR-Bauministerium abgerissen, hier ist kein idyllisches Plätzchen, aber es soll eins werden. Mitte September präsentiert die Senatsbauverwaltung ihren Bebauungsplan, dann wird man diskutieren. Aber eines wird bei einem Besuch deutlich: Hier sind Ort und Stelle, in die Geschichte zu schauen und Berlins originale Vergangenheit zu betrachten. Hier können wir erfahren, wie die Vorfahren gelebt haben, wie sie gestorben sind. „Die Funde sollten sichtbar gemacht und gezeigt werden“, heißt es beim Senat, der die gute Zusammenarbeit von Archäologen, Architekten und Bürgern lobt. Am Tag des Offenen Denkmals am 13. September wird wieder das Petriplatzfest gefeiert, da werden Führungen für Interessierte angeboten, und am Bauzaun informiert eine Ausstellung schon jetzt über die Arbeiten, die da tief im Untergrund Berlins stattfinden

Claudia Melisch geht wieder in die eingehausten Kellergewölbe der ältesten Lateinschule Berlins und stapft durch den feinen Sand an einen langen Tisch, auf dem unzählige Puzzlestückchen liegen, buntes Geschirr, irdene Töpfe, bemalte Teller. So aßen sie einst, die alten Berliner, und kippten allerlei Hausrat in eine Abfallgrube, die heute ihre Geheimnisse preisgibt, von der Ofenkachel bis zur Gürtelschnalle. Eine kleine Sensation war der Fund jener Bohle aus Eichenholz, deren Stamm nach sogenannter dendrochronologischer Bestimmung im Jahre 1192 gefällt wurde. Das bedeutet, Cölln-Berlin ist älter als gedacht.

Bisher galt die Urkunde vom Pfarrer Symeon von 1237 als offizielle Geburtsurkunde. Dieser Pastor predigte einst in der Vorläuferin aller drei Petrikirchen an diesem Platz. Petri Nr. 2 existierte von 1730 bis 1809, das letzte Gotteshaus wurde im Oktober 1853 geweiht und hatte einen fast 100 Meter hohen, schlanken Turm. Im April 1945, beim Kampf um Berlin, richtete die SS dort oben einen Beobachtungsposten ein, die Rote Armee beschoss die höchste Kirche Berlins, ihre Ruine wurde von 1960 bis 1964 abgerissen und gesprengt. Walter Ulbricht wollte das so, weil ihn der Turm nahe seinem Arbeitsplatz störte. „Die Trümmer der vier Meter dicken Ziegelmauern wurden an Ort und Stelle geschreddert und nach West-Berlin für den Straßenbau verkauft“, sagt Claudia Melisch. Dann haben sie auf den kirchenfreien Ort einen Parkplatz gebaut. So verschwand die Keimzelle der Stadt – und wurde gleichzeitig konserviert. Rings um die Kirchen wurden die Toten bestattet, lagen die Gräber. Fast 4000 Skelette fand man bisher am Petriplatz. Jeanette Wnuk, die Anthropologin, hat schon über die Hälfte „bearbeitet“, ein Skelett nach dem anderen untersucht, Alter und Todesursachen erforscht, Geschlechter diagnostiziert, Zustand der Zähne analysiert. Die Kindersterblichkeit war hoch damals, Mangelerkrankungen sind häufig die Todesursache gewesen, am Knochengewebe und an den Augenhöhlen kann man auch noch nach 400 Jahren Blutarmut ablesen.

Die hohe Kindersterblichkeit hat die Lebenserwartungs-Statistik beeinflusst, bis zu fünfzehn Prozent der Alt-Berliner hätten ein hohes Alter erreicht damals, „wir hoffen, dass wir bis zur Erstbesiedlung vorgedrungen sind, also um 1200“, sagt Jeanette Wnuk, und trotz aller Routine bei dieser Art blutloser Pathologie „bin ich mir immer bewusst, dass ich es mit Toten zu tun habe“.

Die Knochen liegen in Kartons, werden nahe dem Friedrichshain bestattet. Zuvor stellt die Wissenschaft ihre Fragen an die Gebeine, nachdenklich sagt die Anthropologin, dass es vielleicht gar keine so großen Unterschiede zwischen uns und unseren Vorfahren gibt. Wahrscheinlich ist auch die Neugier geblieben: Was wird mit dem Platz, der keiner ist, aber bald einer sein möchte? Lothar Heinke

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