Berlin : Pfeif drauf

Stephan Wiehler

Das stählerne Ungetüm auf dem Schloßplatz scheint einfach nicht wegzukriegen. Der Abriss des Palasts der Republik zieht sich von einer Verzögerung zur nächsten, immer wieder rieselt irgendwo Asbest aus dem Skelett. Jetzt soll es noch ein Jahr länger dauern, bis die Reste abgetragen sind. Es kommt einem vor wie Honeckers Rache; als wolle sein Geist aus dem lügengestraften Ausruf „Totgesagte leben länger“ zumindest hier, sozusagen am einstigen Thingplatz des Sozialismus, noch ein Fünkchen Wahrheit herausschlagen.

Vielleicht sollten wir einfach aufgeben und die Ruine so stehenlassen, wie sie ist, als leere Stahlhülle, durch die der Wind pfeift. Das Schloss kommt eh’ nicht so schnell, und besser, als Gras über den leeren Platz wachsen zu lassen, ist es allemal. Zur Not könnte man ein Riesenrad reinstellen, oder auch nicht.

Vom Zweiten Weltkrieg hat Berlin sich die zerstörte Gedächtniskirche bewahrt, die Palastruine wäre eine sinnfällige Erinnerung daran, dass der Kalte Krieg lange nach der Maueröffnung noch nicht zu Ende war. Übrigens: Auch der Flughafen Tempelhof wurde schon so gebaut, dass er noch als Ruine schön sein wird.

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