Berlin : Pferd, weigere dich nicht

Beim Vielseitigkeitsreiten sind viele Hindernisse zu überwinden – das stellt die Reiter oft vor pädagogische Aufgaben

Jörg Petrasch

Berlin. Julia Siesslack mag Louis. Sie streichelt und tätschelt den 12-Jährigen. Louis, dem Pferd, scheint das zu gefallen. Er wirkt konzentriert und ein wenig aufgeregt. Dann traben Julia und Louis auf den Dressurplatz des Olympiareitstadions und beginnen mit der ersten Prüfung. „Der direkte Kontakt mit dem Pferd ist sehr wichtig“, sagt die 18-jährige Schülerin, „ich spreche auch mit dem Pferd.“ Aber das ist normal beim Reiten. Die Pferde müssen Vertrauen zum Reiter fassen. Denn Julia betreibt einen Sport, der beidseitige Kommunikation erfordert: Vielseitigkeitsreiten. Am Wochenende fand nahe des Olympiastadions die Landes-Jugendmeisterschaft Berlin-Brandenburg statt.

Nach der Dressur auf dem 20 mal 40 Meter großen Parcour, bei dem Reiter und Pferd vorgegebene Figuren und Gangarten zeigen mussten, kam das Springreiten dran. In der Leistungsklasse L (Leicht) waren die Hindernisse bis zu 1,15 Meter hoch. Die Pferde müssen dabei ihre Sprungkraft und Geschicklichkeit beweisen.

Als dritte und letzte Disziplin steht in der Vielseitigkeit der Geländeritt auf dem Programm. „Hier muss man mutig sein, aber es macht auch am meisten Spaß“, sagt Julia. Dabei preschen Pferd und Reiter mit hohem Tempo – bis 600 Meter pro Minute – durch das Gelände und über eine Reihe künstlicher und natürlicher Hindernisse. Neben der Sprungkraft kommt es hier auch auf die Kondition des Pferdes an.

Aber genau dieser Teil hat dem Sport ein negatives Image verpasst. Denn Vielseitigkeit ist besser bekannt unter der alten Bezeichnung „Military“. Und Military verbinden viele mit dem Geländeritt, bei dem sich durch spektakuläre Stürze, die in den Medien gezeigt wurden, das Bild einer brutalen Sportart festgesetzt hat. Meist wird dabei mehr das Pferd als der Reiter bemitleidet. Bernhard Pede, Landestrainer für Berlin–Brandenburg, findet das falsch. Speziell der Geländeritt sei nicht gefährlicher als anderer Reitsport. „Wenn das Pferd nicht springen will, bleibt es stehen, man kann es dann auch nicht zwingen“, sagt Pede.

Das hat Julia am Sonntag am eigenen Leib erfahren müssen. Als sie auf ein Hindernis zu schnell zugeritten kam und etwas früher als gewohnt abspringen wollte, blieb ihr Louis einfach stehen. Julia purzelte von ihrem Pferd und fiel ins Heu. Danach verweigerte der Wallach auch das nächste Hindernis. Danach wurden beide disqualifiziert.

„Louis wollte einfach nicht so weit springen, der ist ziemlich faul.“ Passiert ist dabei nichts, eine Schutzweste ist Pflicht.

Trotz des Abwurfes bleibt die junge Frau vom veranstaltenden Reitsportverein am Maifeld natürlich auch weiterhin ihrem Sport verbunden. „Es macht einfach Spaß, mit den Pferden zu arbeiten, und Dressur alleine wäre zu langweilig. Die Abwechslung macht es.“ In der Turniersaison ist sie fünf bis sechs Mal pro Woche mehrere Stunden bei den Pferden. Die Mutter trainiert sie in Dressur und der Vater ist Erster Vorsitzende des Vereins. Sie selbst unterrichtet eine Nachwuchsgruppe.

Diese Verhältnisse spiegelt auch das Konzept des Vereins wider, der seit einem Jahr Trainingsstützpunkt der Berliner Vielseitigkeitsreiter ist. Die Unterstellung eines Pferdes ist mit 320 Euro pro Monat nicht ganz so teuer wie anderswo. Dafür muss aber auch jeder der rund 150 Mitglieder anpacken. Außerdem bietet der Verein, der 1994 von Wilmersdorf auf die Anlage des früheren Berlin British Club am Maifeld umgezogen ist, seit 30 Jahren therapeutisches Reiten mit behinderten Kindern an.

Julia jedenfalls war ihrem Louis nach dem Abwurf nicht mehr böse, eher pädagogisch besorgt. „Die Verweigerung am nächsten Hindernis darf man ihm nicht durchgehen lassen“, sagt sie zu einer Freundin.

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