Berlin : Pferdefuß

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Mit der Abschaffung der Polizeireiter scheint für die Pferde der Weg zum Abdecker unumgänglich. Zwar haben sich in den vergangenen Tagen zahllose Pferdefreunde gemeldet, aber nicht alle, um das Leben der Vierbeiner zu retten: Gestern erkundigten sich sogar zwei Anrufer, ob das Fleisch der Tiere noch bissfest und zum Grillen geeignet sei, berichtete der Chef der Polizeireiter, Helmut Kannengießer. Diese an den leiblichen Genüssen interessierten "Pferdefreunde" blieben allerdings ebenso erfolglos wie all die, die das Leben der Tiere retten wollten: "Wenn wir all denen, die angeboten haben, eines der Pferde zu übernehmen, eines geben würden, wären sie längst alle weg", sagte Kannengießer.

Aber an die Abwicklung der Reiterstaffel denkt derzeit noch niemand in der Behörde. Man wartet - auf eine Anweisung: "Die Auflösung der Reiterstaffel ist ja erst einmal eine Koalitionsvereinbarung. Vom Senat ist sie noch nicht beschlossen, eine Arbeitsanweisung liegt uns bisher nicht vor. Wir können uns doch nicht selbst auflösen und die Pferde schon jetzt weggeben." Für den zuständigen Referatsleiter Helmut Bauer ist die letzte Messe für die 75 Mann starke Reiterstaffel mit ihren 45 Tieren noch nicht gesungen.

Er sieht Chancen, einen Teil der Tiere vor dem Schlachtermesser zu retten. Gut die Hälfte der Tiere allerdings müsste frühzeitig ins Gras beißen. Für sie wäre ein Gnadenhof keine Gnade, sondern eine Schinderei. Der Weg zum Schlachter eher die Erlösung von bevorstehendem Übel. Auf der Koppel inmitten einer Herde würden die stallgewöhnten Polizeipferde nach Bauers Auffassung immer den Kürzeren ziehen; sie müssten als so genannte Omega-Tiere (im Gegensatz zum Leitpferd, dem Alpha-Tier) ihr Pensionärsdasein fristen, von allen anderen gemieden, gebissen, vertrieben und ausgestoßen.

Auch die Nahrungsumstellung würde den Tieren nicht gut tun. Wegen der hohen Belastung, der die Vierbeiner täglich im Polizeidienst ausgesetzt sind, erhalten sie ein Zusatzfutter, das für einen privaten Tierhalter so teuer wäre, dass er wegen der Kosten vermutlich darauf verzichtete. Quälende Verdauungsprobleme bis hin zu Koliken könnten die "Entzugs"-Folgen für das Pferd sein, sagte Bauer. Außerdem: "Unsere Tiere sind täglich mehrere Stunden in Bewegung. Aber welcher Privatbesitzer könnte das schon sicher stellen? Das kann nicht einfach eingestellt werden." Die Folge all dieser Umstellungen in einer neuen Umgebung wäre laut Bauer eine Vereinsamung des Tiers. Er hält daher die rechtzeitige Einschläferung für die humanere Lösung. Zum Verzehr wären die Tiere aber nicht geeignet. Wegen der medikamentösen Behandlung bei Krankheiten und Verletzungen dürfe das Fleisch nicht als Lebensmittel verwertet werden.

Carola Ruff vom Tierheim Berlin allerdings stellt sich vor die Pferde: "Ein Tier darf nicht ohne vernünftigen Grund getötet werden. Und wenn der Senat die Reiterstaffel abschafft, ist das kein vernünftiger Grund." Sie kann auch Bauers Befürchtungen, die Tiere würden auf der Koppel von der Herde nicht akzeptiert, nicht folgen: "Mit behutsamer Betreuung durch ihre Reiter würden sie sich schon einfügen", da ist sich die Tierschützerin sicher.

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